Mentale Gesundheit 

als Thema gendersensibler 

Jugendsozialarbeit

Aktuelle Problemlagen und Bedarfe von Mädchen* und jungen Frauen*

Der Online-Fachtag widmete sich der mentalen Gesundheit von Mädchen* und jungen Frauen* als zentralem Thema gendersensibler Jugendsozialarbeit. Mit insgesamt 74 Teilnehmenden aus allen Bundesländern und unterschiedlichen Professionen – darunter Fachkräfte der Mädchen*- und Jugend(sozial)arbeit, Wissenschaft, Psychologie, Medizin sowie angrenzender Handlungsfelder – bot die Veranstaltung eine bundesweite Plattform für interdisziplinären Austausch und Wissenstransfer.

Ziel war es, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Erfahrungen aus der Jugendsozialarbeit zu verbinden und so Bedarfe, Problemlagen sowie gelingende Ansätze sichtbar zu machen. Im Fokus standen dabei sowohl strukturelle Herausforderungen als auch konkrete Ansätze zur Prävention, Intervention und Vernetzung. Der Fachtag ermöglichte einen intensiven Dialog zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen unterschiedlichen Versorgungssystemen.

Bereits im ersten Vortrag wurde deutlich, wie hochaktuell und gesellschaftlich relevant das Thema ist und welche grundlegenden Entwicklungen die Arbeit mit Mädchen* und jungen Frauen* prägen.

1. Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Kontext gesellschaftlicher Krisen: Aktuelle Studienbefunde und Handlungsbedarfe

Ann-Kathrin Napp (M.Sc.; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Forschungssektion Child Public Health, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik, Mitautorin der COPSY- und COMO-Studie):

In ihrem Vortrag stellte Ann-Kathrin Napp zentrale Ergebnisse der COPSY-Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vor. Ausgangspunkt war ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis, das psychische, körperliche und soziale Dimensionen umfasst und die Bedeutung des Kindes- und Jugendalters als entscheidende Entwicklungsphase hervorhebt.

Auf Basis der Studienergebnisse wurde deutlich, dass sich die psychische Gesundheit junger Menschen seit der COVID-19-Pandemie signifikant verschlechtert und sich bislang nicht vollständig erholt hat. Insbesondere zeigten sich erhöhte Werte bei Einsamkeit, Ängstlichkeit und depressiven Symptomen. Gleichzeitig nahm die Inanspruchnahme kinder- und jugendpsychiatrischer Angebote zu.

Ein zentraler Befund betraf geschlechtsspezifische Unterschiede: Mädchen* und junge Frauen* sind deutlich stärker von psychischen Belastungen betroffen als Jungen*. So stiegen bspw. Angst- und depressive Symptome bei Mädchen* ab 14 Jahren mit zunehmendem Alter signifikant an. Auch insgesamt berichten sie häufiger über eine geringere Lebensqualität/-zufriedenheit und mehr psychosomatische Beschwerden.


Zudem wurde auf die besondere Situation von trans* und gender-diversen jungen Menschen hingewiesen, die aufgrund etwa von Diskriminierungserfahrungen und s.g. Minoritätenstress ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen und Suizidalität aufweisen. (Diese Daten wiederum können aufgrund zu geringer Fallzahlen nicht aus der COPSY-Studie gezogen werden; hier aber wurde u.a. verwiesen auf die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) der WHO, die seit 1982 alle vier Jahre die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von 11- bis 15-jährigen Schüler*innen in über 50 Ländern/Regionen untersucht.)

Zitiert wurde auch die mit internationalen Expert*innen für psychische Kindergesundheit besetzte Lancet Kommission, laut derer insgesamt weltweit eine Zunahme psychischer Erkrankungen zu verzeichnen ist infolge „globaler Megatrends“: gesellschaftlicher, ökologischer, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und technologischer Veränderungen.
Als wesentliche Einflussfaktoren wiederum wurden neben den Auswirkungen globaler Krisen (z. B. Pandemie, Kriege) soziale Ungleichheiten benannt, die die psychische Gesundheit maßgeblich mitbestimmen. Kinder und Jugendliche aus belasteten Lebenslagen (etwa geringe Bildung oder psychische Belastungen bei den Eltern, beengter Wohnraum, Migrationshintergrund) sind demnach besonders vulnerabel.
Kurz wurde auch die die zunehmende digitale Mediennutzung eingegangen, wobei Jugendliche häufig von belastenden Inhalten oder Ausgrenzungs- oder Abwertungserfahrungen berichten.

Gleichzeitig wurden zentrale Schutz- und Resilienzfaktoren benannt. Dazu zählen stabile soziale Beziehungen, individuelle Bewältigungsstrategien, Zuversicht, Selbstwirksamkeit, sowie unterstützende Rahmenbedingungen. 
Daraus leitete die Referentin klare Handlungsbedarfe ab:

  • Stärkung ressourcenorientierter Ansätze: von Schutzfaktoren und Resilienz
  • Ausbau niedrigschwelliger Unterstützungsangebote für belastete Kinder/ Familien
  • Verbesserung der psychosozialen, -therapeutischen und psychiatrischen Versorgung
  • stärkere Priorisierung der mentalen Gesundheit junger Menschen bei Versorgungsstrukturen sowie politische Entscheidungsträger*innen.

Als zentrale Botschaft wurde hervorgehoben, dass die Förderung psychischer Gesundheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt und insbesondere interdisziplinäre Zusammenarbeit – wie sie auch im Fachtag angelegt ist – eine Schlüsselrolle spielt.

2. Psychotherapie im Spannungsfeld von Diversität, Diskriminierung und Versorgungslücken: Anforderungen an eine selbstreflektierte und kontextsensible Praxis

Prof. Dr. Claudia Calvano (Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und -psychotherapie, Freie Universität Berlin; „Building Bridges“-Projekt“):

In ihrem Vortrag beleuchtete Claudia Calvano aktuelle Herausforderungen und zentrale Entwicklungen in der Kinder- und Jugendpsychotherapie mit besonderem Fokus auf Diversitätssensibilität und gesellschaftliche Einflussfaktoren sowie insbesondere traumatisierende Rassismuserfahrungen. Ausgangspunkt war eine Bestandsaufnahme der psychischen Gesundheit junger Menschen sowie der bestehenden Versorgungssituation, die weiterhin unzureichend ist. So liegen die Wartezeiten für einen ersten psychotherapeutischen Kontakt aktuell bei durchschnittlich 4-7 Monaten. Gleichzeitig zeigen Studien hohe Komorbiditätsraten: Rund 40 % der Kinder und Jugendlichen weisen mehrere psychische Problemlagen gleichzeitig auf, was die Behandlung zusätzlich erschwert. Diese Mehrfachbelastungen träfen auf Versorgungssysteme, die häufig nicht ausreichend auf komplexe Problemlagen ausgerichtet sind. Zudem berichtete sie von Analysen mit dem Befund begrenzter Wirksamkeit klassischer Psychotherapie bei multiplen Problemlagen und komplexeren Störungsbildern. - Daraus ergäbe sich ein deutlicher Bedarf an differenzierteren und kontextsensibleren Behandlungsansätzen.

Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen für den Therapieerfolg. Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist demnach nicht unabhängig vom sozialen Kontext zu betrachten:

  • In Regionen mit hohem strukturellem Rassismus zeigt sich eine geringere Wirksamkeit von Psychotherapie bei schwarzen Jugendlichen, während diese bei weißen Jugendlichen weitgehend stabil bleibt . (In Ermangelung von statistischen Daten hierzu in Deutschland zitierte sie hierbei amerikanische Studien.)
  • Ähnlich wirkt sich kultureller Sexismus aus: Mädchen und junge Frauen profitieren in stärker sexistisch geprägten Kontexten weniger von psychotherapeutischen Interventionen, während die Effekte bei Jungen relativ konstant bleiben.

Diese Befunde unterstrichen, dass psychische Gesundheit und deren Behandlung eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Diskriminierungsstrukturen verwoben sind. Psychotherapie kann demnach nicht isoliert als individuelle Intervention verstanden werden, sondern muss soziale Ungleichheiten und weitere Benachteiligungen (bspw. auch Armut, Behinderung, sonderpädagogischen Förderbedarf, zu Traumatisierung führende Rassismuserfahrungen) mitdenken.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Notwendigkeit einer Selbstreflexion der eigenen Privilegien seitens der Psychotherapeut*innen (wie auch der Fachkräfte der Jugend(sozial)arbeit) betont. (So sind die meisten Therapeut*innen weiß, ohne Migrationshintergrund, cis-gender, heterosexuell, körperlich gesund und bereits mit familiär akademischem Hintergrund.) Auf dieser Basis wurde zu diversitätssensibler und diskriminierungskritischer Psychotherapie und Arbeit mit jungen Menschen insgesamt aufgerufen; u.a. insbesondere durch:

  • (Selbst)Reflexion bezüglich sozialer Identitäten, Marginalisierung und Privilegien sowie eigener Stereotype und Vorurteile
  • das Üben von Gesprächen zu und aktive Ansprechen von Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsformen (im therapeutischen Setting)
  • zielgruppenspezifische, kultur- und diskriminierungssensible Ansprache und Zugangswege
  • die stärkere Berücksichtigung von Lebensrealitätenmarginalisierter Gruppen
  • (strukturelle) Förderung von mehr personeller Diversität bei den Therapeut*innen
  • Ausbau von Community-Einbezug und -Partizipation  
  • berufspolitisches Engagement und Vernetzung gegen Desinformation.

Im zweiten Teil stellte die Referentin ein gemeinsames interdisziplinäres Forschungsprojekt für Bildungsgerechtigkeit der FU Berlin, der Uni Duisburg-Essen und der Stiftung SPI vor: das Projekt „Building Bridges“ ein Mentoring und Empowermentprogramm für Mädchen und FLINTA* of Colour“, das gezielt Ressourcen stärkt und auf spezifische Diskriminierungserfahrungen eingeht sowie spezifisch die Teilhabe junger BIPoC-Frauen*an Hochschulbildung und akademischen Laufbahnen im psychosozialen Bereich fördert. – Solche Empowerment-Ansätze wurden als wichtige Ergänzung zur klassischen Versorgung eingeordnet, insbesondere um Zugänge zu verbessern und Selbstwirksamkeit zu fördern.

Für die Praxis der Jugendsozialarbeit sowie der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung kamen zentrale Handlungsbedarfe zur Sprache, wie die stärkere Verzahnung von Psychotherapie, Jugendhilfe und sozialräumlichen Angeboten, die Entwicklung intersektionaler und lebensweltorientierter Unterstützungsansätze, der Abbau struktureller Barrieren im Zugang zur Versorgung sowie die gezielte Förderung von Empowerment- und Präventionsangeboten für marginalisierte Gruppen.
Als zentrale Botschaft wurde deutlich: Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Angebote hängt wesentlich von gesellschaftlichen Bedingungen ab. Eine nachhaltige Verbesserung der mentalen Gesundheit junger Menschen erfordert daher nicht nur individuelle Interventionen, sondern auch strukturelle Veränderungen hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe.

3. Psychiatrische häusliche Krankenpflege für junge Menschen: Ein innovatives, aufsuchendes Versorgungsmodell

Lena Gellern (M.A. Gesundheitsbildung- und Pädagogik, Fachdozentin für kinder- und jugendpsychiatrische Pflege, Pädagogische Leitung der Weiterbildung für psychiatrische Pflege, Ammerländer Ausbildungszentrum für Gesundheitsberufe): 

Im Anschluss stellte Lena Gellern aus Niedersachsen ein praxisnahes und innovatives Versorgungsmodell vor: die Entwicklung und Umsetzung des bereits bestehenden Angebots psychiatrischer häuslicher Krankenpflege (pHKP) auch für Kinder und Jugendliche.

Ausgangspunkt ihres Beitrags war die bestehende große Versorgungslücke im Bereich psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen. Während es für Erwachsene bereits etablierte pHKP-Strukturen gibt, fehlte zuvor ein vergleichbares flächendeckendes Angebot für Kinder und Jugendliche. Zudem griffen Unterstützungsangebote häufig erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien, wodurch Chronifizierungen und stationäre Aufenthalte wahrscheinlicher werden. Als problematisch wurden zudem insbesondere lange Wartezeiten auf ambulante Therapieplätze, unzureichende alltagsnahe Unterstützung nach Klinikaufenthalten, dadurch Brüche in der Versorgung und infolgedessen häufige stationäre Rückkehr („Drehtüreffekt“) benannt sowie Überforderung von Familien und begrenzte Möglichkeiten der Jugendhilfe.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sie mit Unterstützer*innen ab 2023den Ansatz, pHKP in Niedersachsen auf Kinder und Jugendliche zu übertragen.: Es wurde eine spezifische Fachkräfte-Weiterbildung entwickelt, ein interdisziplinäres Netzwerk aufgebaut (Pflegedienste, Ärzt*-/Therapeut*innen, Kliniken, Jugendämter und -hilfe, Krankenkassen), konkrete Arbeitsstrukturen und Dokumentationsformen sowie Schutzkonzepte entwickelt. Seitdem erfolgt eine kontinuierliche Erweiterung des Angebots (Stand 2026: 15 beteiligte Pflegedienste). Seit 2025 wird das Netzwerk auch von der BAG Ambulante Psychiatrische Pflege (BAPP) unterstützt.

Dieses Modell setzt auf aufsuchende Unterstützung durch speziell qualifizierte Pflegefachkräfte im Lebensumfeld der Betroffenen. Ziel ist es, Selbstbefähigung zu stärken, Krisen frühzeitig zu erkennen und stationäre Aufenthalte möglichst zu vermeiden oder zu verkürzen. - Anhand eines Fallbeispiels wurde die praktische Umsetzung anschaulich dargestellt: Eine 15-jährige Jugendliche, deren Zustand sich nach einem Klinikaufenthalt erneut verschlechterte (Angststörung und Selbstverletzungserfahrungen), erhielt im häuslichen Setting kontinuierliche Unterstützung. Zentrale Elemente waren beständige Beziehungsarbeit, Psychoedukation, Emotionsregulation (z. B. durch Skilltraining), alltagsnahe Begleitung und Alltagsstrukturierung sowie die enge sektorenübergreifender Zusammenarbeit v.a. auch mit der Jugendhilfe (abgestimmte Tandem-Arbeit). Diese Kombination wurde als besonders wirksam hervorgehoben. 
Hier zeigte sich ein zentraler Mehrwert für die Jugendsozialarbeit: Die Verzahnung von Gesundheitswesen und Jugendhilfe ermöglicht passgenauere und nachhaltigere Unterstützungsprozesse.

Abschließend wurde mit Blick auf die fachpolitische Einordnung auf die seit 2025 geltende Richtlinie zur berufsgruppenübergreifenden, koordinierten und strukturierten Versorgung schwer psychisch kranker Kinder und Jugendlicher (KJ-KSVPsych-RL) verwiesen, die eine stärkere ambulante und lebensweltorientierte Versorgung ausdrücklich unterstützt. (Verordnungen für solche Komplexversorgung können von spezialisierten Kinder- und Jugendpsychotherapeut*/-psychiater *innen nach Prüfung ausgestellt.

Der Beitrag machte deutlich, dass niedrigschwellige, aufsuchende und vernetzte Angebote ein entscheidender Baustein für eine bedarfsgerechte Versorgung sind – insbesondere auch im Hinblick auf diversitäts- und gendersensible Jugendsozialarbeit, da sie individuelle Lebenslagen stärker berücksichtigen und Zugänge erleichtern.
Zudem bediente der Beitrag auch das Fachtagsziel, durch Austausch von bundesweiten Expert*innen regionale best practice-Beispiele über Bundesländer-Grenzen zu tragen.

4. Fachkräftequalifizierung: Ansätze, Methoden und Kompetenzen zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Mädchen* und jungen Frauen*

Lilli Weber (B.A. Erziehungswissenschaft und Soziale Arbeit, Landesarbeitsgemeinschaft Mädchen*politik Baden-Württemberg):

Lilli Weber stellte das Engagement der an der Schnittstelle von Praxis, Theorie und Politik arbeitenden LAG M* BW vor: so fungiert diese als Fachstelle, Netzwerk und politische Interessenvertretung für Mädchen*arbeit und Genderpädagogik. Sie verbindet Fachkräftequalifizierung, Lobby-, Gremien-, sowie Netzwerkarbeit sowie Praxisberatung und trägt so zur strukturellen Weiterentwicklung des Arbeitsfeldes bei.

Sodann präsentierte sie das von ihr geleitete Projekt "Psychische Gesundheit und Körpererleben von Mädchen* und jungen Frauen* - Was macht uns stark?“. – Dessen Ausgangspunkt sind die aktuellen Befunde zu weiterhin hohen bzw. steigenden psychischen Belastungen bei jungen Menschen, insbesondere jungen Frauen* ab 14 Jahren, bei denen vermehrt Angststörungen, Depressionen, Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten auftreten. Zudem verwies sie auf die bereits thematisierten deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede sowie die unzureichende Datenlage zu nicht-binären Jugendlichen. (U.a. auch o.g. HBSC und COPSY-Studien)

Als zentrale Risikofaktoren für psychische Belastungen bei der Zielgruppe benannte sie Armuts-, Migrations- und Fluchterfahrungen sowie Diskriminierung und strukturelle Ungleichheiten. Eine wesentliche Botschaft des Vortrags lag dabei in der Einordnung psychischer Belastungen als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse. Damit wurde eine klare intersektionale und machtkritische Perspektive eingenommen: Psychische Erkrankungen werden nicht ausschließlich als individuelle Problemlagen verstanden, sondern auch als Folge sozialer Ungleichheiten sowie normativer Erwartungen (bspw. gesellschaftlich konstruierter Rollen).

Das Projekt setzt genau hier an und verfolgt das Ziel, weibliche*, trans*, inter* und nicht-binäre Fachkräfte sowie ehrenamtlich mit Mädchen* Arbeitende in ihrer Haltung, Handlungssicherheit und Methodenkompetenz zu stärken, um nachhaltig gesundheitsfördernde und ressourcenorientierte Angebote umsetzen zu können. 

Zentrale mehrschichtige Struktur/ Bausteine des Projekts:

  • berufsbegleitende Weiterbildung (u. a. zu Geschlecht, Gesundheit, Intersektionalität (Gender, Flucht, Armut, …) und traumasensiblem Arbeiten)
  • mehrere kostenfreie Online-Fachveranstaltungen zu spezifischen Themen (z. B. Trauma, Essstörungen, Rassismus und Gesundheit)
  • Entwicklung und Veröffentlichung einer praxisorientierten Handreichung
  • kreative Beteiligungsformate mit Mädchen* und jungen Frauen*.

Besonders hervorzuheben ist der Einbezug der Perspektiven der Zielgruppe selbst, etwa durch Schreibwerkstätten, in denen junge Frauen* ihre Erfahrungen zu Körper, Identität und psychischer Gesundheit ausdrücken. Dies wurde als wichtiger Beitrag zu partizipativer und empowernder Praxis deutlich.

Neben deren Fortbildungsbedarf lag ein weiterer Schwerpunkt auf den eigenen hohen (psychischen) Belastungen der Fachkräfte angesichts veränderter Anforderungen und Herausforderungen innerhalb der KJH und M*SA. Als zentrale Projekt-Ergebnisse/ Rückmeldungen der Teilnehmenden wurden in diesem Kontext benannt:

  • große Unsicherheiten im Umgang mit psychischen Krisen
  • Belastung durch strukturelle Rahmenbedingungen (z. B. Fachkräftemangel)
  • Krisensituationen: fehlende Leitfäden/ Teamstrategien (auch Selbst-/Fürsorge)
  • Bedarf an praxisnahen Methoden (zu traumasensiblem & körperorientiertem Arbeiten), Praxis-Materialien für Resilienzförderungen, tools zur Reflexion und Stärkung der eigenen professionellen Haltung u.a.m.
  • mehr Austausch, Vernetzung, mulitdisziplinärerZusammenarbeit gewünscht.

Damit knüpfte auch dieser Beitrag an Fachtags-Zielsetzung an: er unterstrich die Notwendigkeit, Fachkräfte systematisch zu qualifizieren und zu entlasten, um langfristig wirksame Angebote für Mädchen* und junge Frauen* zu gewährleisten.

Als Perspektive wurde ein mögliches Folgeprojekt skizziert, das insbesondere den Ausbau niedrigschwelliger Online-Angebote, die Entwicklung von Reflexionstools sowie die Weiterführung von Vernetzungs- und Austauschformaten vorsieht.

Insgesamt zeigte der Vortrag eindrücklich, wie durch die Kombination aus Qualifizierung, Praxisbezug, Partizipation, Networking, best practice Transfer und politischer Einbettung nachhaltige Strukturen für eine gendersensible und intersektionale Gesundheitsförderung befördert werden können.

5. Intersektionale Perspektiven auf mentale Gesundheit im Kontext von Flucht, Armut und Geschlecht: Impulse für die Praxis

Lena Hezel (Dipl. Soz. Päd.) & Lea Walz (M.A. Allg. Pad.), Mädchen*treff e.V. Tübingen:

In ihrem Beitrag stellten die Referentinnen die Arbeit des Mädchentreff e.V. Tübingen vor und gaben praxisnahe Einblicke in die Fachkräfte-Workshops zu intersektionalen Perspektiven von mentaler Gesundheit im Kontext von Geschlecht, Flucht und Armut.

Ausgangspunkt ihres Vortrags war die Feststellung, dass insbesondere Mädchen* und junge Frauen* mit Fluchtgeschichte in Forschung, Versorgung und Praxis häufig unzureichend berücksichtigt werden. Während zwar bekannt ist, dass Mädchen* insgesamt stärker von psychischen Belastungen betroffen sind und Faktoren wie Armut, Migration und Gewalterfahrungen das Risiko erhöhen, fehlt es an differenzierten, intersektionalen Daten – insbesondere zu deren konkreter Gesundheitsversorgung.
Die Referentinnen machten deutlich, dass die Lebensrealitäten dieser jungen Menschen in vielen Studien unsichtbar bleiben, da diese häufig weder geschlechterdifferenziert noch intersektional angelegt, sondern zumeist cis-männlich dominiert sind.

Im Zentrum des Beitrags stand die Analyse der Wechselwirkungen von Geschlecht, Flucht und Armut auf die psychische Gesundheit. Dabei wurden zentrale Belastungsfaktoren benannt, die sich aus der Praxisarbeit ableiten:

  • Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und Flucht
  • erhöhte Risiken für Traumatisierung (z. B. durch sexualisierte Gewalt)
  • strukturelle Exklusion und das „Herausfallen“ aus Unterstützungs- und Versorgungssystemen
  • Mehrfachdiskriminierung durch Rassismus, Sexismus und Klassismus.

Ein besonderer Fokus lag auf der Frage, welche Konsequenzen sich aus bestehenden theoretischen Erkenntnissen sowie wiederum den Datenlücken für die Praxis ergeben. Die Referentinnen betonten, dass eine wirksame Unterstützung nur durch einen mehrdimensionalen Blick möglich ist, der verschiedene Ebenen einbezieht: die Perspektive und Lebensrealität der Adressatinnen*, die pädagogische Praxis und Haltung der Fachkräfte, strukturelle Rahmenbedingungen der Hilfesysteme sowie gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse.

Hervorgehoben wurde hierbei die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Projektarbeit des Mädchen*treffs entwickelt sich kontinuierlich aus den konkreten Erfahrungen mit der Zielgruppe sowie aus bestehenden Forschungslücken. (Beispielhaft wurden die Projekte „Makan Ahlami“ sowie „Brücken ins Gesundheitssystem“ genannt, die darauf abzielen, Zugänge zu medizinischer und psychosozialer Versorgung zu verbessern.)
Die Fachkräfte-Workshops sind als dialogische und praxisorientierte Lernräume konzipiert. Zentrale Elemente sind dabei die Vermittlung von Grundlagen intersektionaler Mädchen*arbeit, die Einführung in Konzepte wie Empowerment und Powersharing sowie Einblicke in Lebenslagen und Bedarfe der Zielgruppe.

Besonders hervorgehoben wurde dabei zudem auch der Ansatz, nicht nur über die Zielgruppe zu sprechen, sondern ihre Stimmen aktiv einzubeziehen – etwa durch partizipative, auch in den Workshops vermittelte Methoden. Dies wurde als zentraler Beitrag zu einer diskriminierungssensiblen und empowernden Praxis eingeordnet.

Als zentrale Workshop-Effekte und Gewinn für die Fachkräfte wurden benannt:

  • Erweiterung fachlicher Perspektiven („neuer Blick“ auf eigene Adressatinnen)
  • Sensibilisierung für intersektionale Zusammenhänge
  • Weitergabe konkreter Methoden & Übertragbarkeit auf die eigene Praxis
  • Stärkung von Handlungssicherheit
  • Förderung von Austausch und Vernetzung.

Insgesamt verdeutlichte der Beitrag, dass intersektionale Ansätze nicht nur eine analytische Perspektive darstellen, sondern zentrale Voraussetzung sind für wirksame, bedarfsgerechte Angebote in der gendersensiblen Jugendsozialarbeit. Insbesondere im Kontext von Flucht, Armut und Geschlecht braucht es spezifische, niedrigschwellige, diskriminierungssensible Zugänge, um mentale Gesundheit nachhaltig zu fördern.

6. Peer-to-Peer-Onlineberatung bei Krisen und Suizidalität: Niedrigschwellige Unterstützung für junge Menschen

Jana Krämer (Youth-Life-Line (YLL), Arbeitskreis Leben e.V. (AKL), Reutlingen/Tübingen)

Jana Krämer stellte den Arbeitskreis Leben e.V. sowie dessen Online-Beratungsangebot „Youth-Life-Line. Im Leben bleiben!“ vor, das sich gezielt an Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre in existenziellen Krisen und bei Suizidgefährdung richtet.

Zu Beginn des Beitrags wurde anhand aktueller Zahlen die hohe gesellschaftliche Relevanz des Themas Suizidalität verdeutlichte: In Deutschland sterben jährlich mehr als 10.000 Menschen durch Suizid, wiederum bei Jugendlichen ist Suizid die (zweit)häufigste Todesursache. Indes wird von einer erheblich höheren Zahl an Suizidversuchen ausgegangen. Zudem wurde auf das s.g. „Gender-Paradox“ hingewiesen: Während deutlich mehr Männer* Suizid begehen, sind Frauen* und Mädchen* wesentlich häufiger von Suizidversuchen betroffen.

Vor diesem Hintergrund wurde YLL vorgestellt als niedrigschwelliges, rein onlinebasiertes Peer-to-Peer-Beratungsangebot (Jugendliche helfen Jugendlichen). Das Angebot zeichnet sich aus durch anonyme Beratung per Mail, feste, kontinuierliche Begleitung durch eine*n gleichaltrige*n Berater*in, hohe Vertraulichkeit und Verlässlichkeit, Verständnis, den Fokus auf Beziehungsaufbau, Zuhören und gemeinsames Aushalten von Krisen. 

Abgegrenzt wurde das Angebot von anderen Formaten: YLL versteht sich nicht als akute Krisenintervention vor Ort, nicht als Chat- oder Telefonberatung und bietet keine schnellen Lösungen oder standardisierten Handlungsempfehlungen. Stattdessen steht eine kontinuierliche, vertrauensvolle Beziehung im Zentrum, die Raum für individuelle Entwicklungen schafft.

Ein besonderer Fokus des Vortrags lag auf der Bedeutung von Mädchen* und jungen Frauen* innerhalb des Angebots. Die Auswertung der Beratungszahlen zeigte, dass rund 81 % der Ratsuchenden weiblich* sind; auch unter den Berater*innen zeigt sich ein ähnliches Verhältnis.
Inhaltlich unterscheiden sich die Problemlagen teilweise deutlich von denen männlicher Jugendlicher. Häufige Themen bei Mädchen* und jungen Frauen* sind selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Körperbild, Erfahrungen sexualisierter Gewalt sowie depressive Symptome und Ängste – und angesichts dessen Gefühle von Macht- und Handlungsunfähigkeit. Darüber hinaus wurde das bei vielen ausgeprägte Verantwortungsgefühl gegenüber dem Umfeld herausgestellt und das häufige Zurückstellen eigenerBelastungen. Gleichzeitig suchen Mädchen* häufiger aktiv Unterstützung – sowohl im privaten Umfeld als auch in professionellen Hilfesystemen.

Als zentrales Element wurde das Peer-to-Peer-Konzept hervorgehoben. Die Beratung durch etwa gleichaltrige Personen ermöglicht niedrigere Zugangsschwellen, höhere Identifikation und Vertrauen, authentische Kommunikation auf Augenhöhe sowie Stärkung von Selbstwirksamkeit aufbeiden Seiten (Ratsuchende und Beratende).
(Selbstverständlich werden die jungen Beratenden eng betreut sowie alle Mails gesichtet von den professionellen, hauptamtlichen Fachkräften.)

Ergänzend wurde die enge Vernetzung mit weiteren Hilfsangeboten betont. Youth-Life-Line vermittelt bei Bedarf gezielt an andere Unterstützungsstrukturen, etwa lokale Beratungsstellen, Schulsozialarbeit, therapeutische Angebote, weitere Online-Beratungsformate (eine bundesweite Übersicht wird fortlaufend aktualisiert).

Ein besonders eindrücklicher Teil des Vortrags war die Vorstellung eines anonymisierten Fallbeispiels. Anhand einer Mail einer suizidgefährdeten Jugendlichen wurde exemplarisch gezeigt, wie niedrigschwellig der Erstkontakt erfolgt und wie durch wertschätzende, offene und nicht bewertende Kommunikation eine tragfähige Beratungsbeziehung aufgebaut werden kann.

Abschließend wurden Hinweise aus der YLL-Arbeit an die dort ehrenamtlich Engagierten für den Umgang mit den jungen ratsuchenden Menschen in suizidalen Krisen angeführt, die teils auch als Handlungsempfehlungen für Fachkräfte gelten können:

  • Suizidgedanken immer ernst nehmen und offen ansprechen
  • aktiv zuhören - aber nicht überreden - und Interesse zeigen
  • Wertschätzung vermitteln
  • keine vorschnellen Lösungen oder Bewertungen anbieten
  • Probleme nicht relativieren oder bagatellisieren
  • eigene Grenzen erkennen und Unterstützung hinzuziehen
  • Verantwortung teilen und sich selbst entlasten.

Zentral wurde dabei die Botschaft hervorgehoben: „Darüber reden kann Leben retten.“

Der Beitrag machte deutlich, wie wichtig digitale, niedrigschwellige, beziehungsorientierte Angebote für die Unterstützung junger Menschen in Krisen sind. Insbesondere für junge, überdurchschnittlich häufig von bestimmten Belastungen betroffen Frauen*, die sich gleichzeitig eher Hilfe suchen, stellt YLL ein wirksames und anschlussfähiges Angebot innerhalb eines vernetzten Hilfesystems dar.

7. Digitale Gewalt als Risiko für mentale Gesundheit <-> Prävention, Schutz und Empowerment im digitalen Raum

Ronja Korfe (ServiceBureau Jugendinformation Bremen, Projekt „WTF* – Widerstand, Teilhabe, Feminismus: Digitale Selbstverteidigung für Mädchen* und junge Frauen* in Bremerhaven“; siehe auch WTF*-Padlet für weiterführende Projekt-Informationen)

Im siebten Vortrag stellte Ronja Korfe das Projekt zur digitalen Selbstverteidigung für Mädchen* und junge Frauen* vor und beleuchtete umfassend das Themenfeld digitaler Gewalt als zentrale Herausforderung für die mentale Gesundheit im Kontext gendersensibler Jugend(sozial)arbeit.

Die Referentin ordnete digitale Gewalt als strukturelles und wachsendes Problem ein, das eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissenverknüpft ist. Bezugnehmend auf die Istanbul-Konvention des Europarats wurde hervorgehoben, dass Staaten verpflichtet sind, Gewalt gegen Frauen* – auch im digitalen Raum – zu verhindern, zu verfolgen und Betroffene zu schützen.
Dabei wurde deutlich: Digitale Gewalt ist nicht lediglich eine Verlängerung analoger Gewaltverhältnisse, sondern entwickelt eigene Dynamiken und neue Erscheinungsformen. Besonders betroffen sind dabei laut Forschung und Beratungspraxis Mädchen* und junge Frauen*, LGBTQIA+ Personen und Menschen mit Migrationsgeschichte oder mehrfachen Diskriminierungserfahrungen. 

Nach der Nennung einiger erschreckender Zahlen und Fakten (wie des Anstiegs von frauenfeindlicher Hasskriminalität um 73% im letzten Jahr, die Betroffenheit von digitaler Gewalt von durchschnittlich 409 Frauen pro Jahr und das geschlossen antifeministische oder sexistische Weltbild von jedem dritten Mann in Deutschland) stellte die Referentin systematisch die vielfältigen Formen digitaler Gewalt vor und betonte die Relevanz der expliziten Benennung der einzelnen Formen ; u.a.:

  • Cybermobbing (z. B. Beleidigungen, Ausgrenzung, Verbreitung von Inhalten)
  • Identitätsdiebstahl und Fake-Accounts
  • Cyberstalking und Doxing/ Leaks (Verbreitung persönlicher Daten)
  • sexualisierte Gewaltformen wie Sextortion (Erpressung) oder „Revenge Porn“
  • Hate Speech und organisierte digitale Angriffe (Shitstorms)
  • sexuelle Belästigung im digitalen Raum; Cybergrooming (in Spiele-Chats).

Darüber hinaus wurden aktuelle Entwicklungen und neue Gefährdungslagen hervorgehoben, insbesondere im Kontext digitaler Technologien und sozialer Medien:

  • algorithmisch verstärkte diskriminierende Inhalte  (Ragebait, Clickbait)
  • problematische Trends/Schönheitsnormen (z. B. Clean Girl, SkinnyTok, Pro-Ana- oder vermeintlich konservativ/-christliche Tradwife-Narrative, die mit rückwärtsgewandten, häufig auch rechtspopulistischen/-radikalen Tendenzen verknüpft werden), die Druck erzeugen und Ungleichheiten reproduzieren
  • frauen- und queerfeindliche/ toxische Online-Communities (z. B. Incels, Manosphere; aber teils auch die Gaming-Szene
  • Desinformation, gezielte digitale Angriffe auf Frauen* in der Öffentlichkeit
  • Biologismus als Begründung für Abwertung; Sexualisierung, Misogynie, Hass
  • neue Formen von Gewalt durch KI, etwa Deepfakes oder Deepnudes.
  • Verherrlichung von (sexualisierter) Gewalt (bspw. „DarkRomance“-Bücher-Hype)
  • Bias selbst von Tools wie ChatGPT: Reproduktion gesellschaftlicher Rollenbilder/ Stereotype etc..

Besonders eindrücklich war die Analyse KI-basierter Gewaltphänomene: Ein Großteil der Deepfake-Inhalte ist pornografisch und betrifft v.a. weiblich gelesene Personen. Auch Fälle aus schulischen Kontexten – wie die Erstellung und Verbreitung manipulierter Nacktbilder – verdeutlichen die Dringlichkeit präventiver Bildungsarbeit.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den strukturellen Bedingungen digitaler Räume. So wurde herausgestellt, dass Plattformlogiken (z. B. algorithmische Verstärkung, ökonomische Interessen) problematische, reißerische Inhalte begünstigen und damit Gewaltverhältnisse stabilisieren können. Gleichzeitig wirken (gesellschaftlich-tradierte) Stereotype/ Vorurteile – etwa Geschlechterbilder oder rassistische Zuschreibungen – im digitalen Raum fort oder werden dort sogar verstärkt.

Im Sinne einer praxisorientierten Perspektive wurden im Vortrag Warnsignale benannt, auf die Eltern (jüngerer Kinder) bzw. Fachkräfte achten können, bspw:

  • Änderungen im Verhalten (z.B. Rückzug, Angst, Despressionen)
  • Veränderung der Schlaf- und/oder Essgewohnheiten
  • Sozialer Rückzug
  • Veränderter Medienumgang (z.B. verheimlichte/übermäßige Online-Aktivitäten)
  • plötzliches Vorhandensein von Geschenken (z.B. Kleidung, Schmuck) oder Geld.

Zudem wurden konkrete Ansatzpunkte für Prävention und Intervention in der Praxis der Jugend(sozial)arbeit vorgestellt. Das Projekt „WTF*“ setzt dabei auf:

  • Workshops und Projekttage für Mädchen* und junge Frauen*
  • Fortbildungen für Fachkräfte und Multiplikator*innen (auch online/ bundesweit)
  • Entwicklung von Schutzkonzepten und Handlungsempfehlungen
  • Förderung digitaler Selbstverteidigungskompetenzen
  • Stärkung von Handlungssicherheit und Empowerment.

Ein zentrales Element von WTF* ist die Kombination aus Aufklärung, Reflexion und Empowerment. Ziel ist es, junge Menschen nicht nur über Risiken zu informieren, sondern sie aktiv zu befähigen, sich im digitalen Raum zu schützen, Grenzen zu setzen und Gegenstrategien zu entwickeln sowie ggf. Unterstützung zu suchen.

(Ergänzend wurden im Vortrag auch konkrete Unterstützungsangebote benannt, bspw. spezialisierte Beratungsstellen für Betroffene digitaler Gewalt wie HateAid sowie Präventions- und Informationsplattformen wie klicksafe.)

Zusammenfassend wurde betont, dass digitale Gewalt erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat und daher ein zentrales Handlungsfeld für die Jugend(sozial)arbeit darstellt/en muss. Insbesondere gendersensible und intersektionale, präventive und empowernde Ansätze sind notwendig, um die spezifischen Betroffenheiten von jungen Frauen* angemessen zu adressieren.

Der Vortrag machte deutlich, dass digitale Räume nicht als getrennt vonrealen“ Lebenswelten betrachtet werden können. Vielmehr sind sie integraler Bestandteil jugendlicher Lebensrealität – und damit auch ein zentraler Ort für Prävention, Schutz und Empowerment im Kontext mentaler Gesundheit.

8. Ressourcenorientierte Mädchen*arbeit im Sozialraum: Partizipation und Alltagsbewältigung als Schlüssel zu Resilienz

Svenja Klemen (Mädchentreff und Jugendhaus am Bügel FF(M), Evangelischer Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V.)

Im achten Vortrag des Fachtags gab Svenja Klemen praxisnahe Einblicke in die offenen M*SA-Arbeit des seit 1996 bestehenden Mädchentreffs am Bügel im Norden von Frankfurt am Main. Die Einrichtung richtet sich insbesondere an Mädchen* aus dem direkten Umfeld – rund 70 % der Besucherinnen* leben im Sozialraum. Trotz begrenzter personeller Ressourcen (0,75 Stelle) stellt der Mädchentreff einen wichtigen niedrigschwelligen Anlaufpunkt dar.

Im Zentrum des Beitrags stand eine konsequent lebensweltorientierte Perspektive auf mentale Gesundheit. Anstatt primär diagnostische oder problemzentrierte Zugänge zu wählen, wurde die Bedeutung subjektiver Bewältigungsstrategien und alltagsnaherUnterstützungsformen aus Sicht der Mädchen* selbst hervorgehoben.:

In Vorbereitung auf den Fachtag hatte die Referentin eine einfache, aber wirkungsvolle partizipative Befragung im Mädchentreff im Kreis der jüngeren Besucherinnen durchgeführt. Den Mädchen* wurden zwei zentrale Fragen gestellt: „Was hilft dir, wenn du traurig bist?“ und „Was machst du, wenn Menschen, die du magst, traurig sind?“

Die Antworten gaben einen eindrücklichen Einblick in die Ressourcen, Bedürfnisse und sozialen Praktiken der Zielgruppe. - Als zentrale Bewältigungsstrategien bei eigener Traurigkeit wurden u. a. benannt: Gespräche mit Freund*innen oder Familie, körperliche Nähe und Zuwendung (z. B. Umarmungen), konsumorientierte Strategien wie Essen oder Mediennutzung, Ablenkung durch Musik, Fernsehen oder Handy, Rückzug in beruhigende Inhalte (z. B. Kinderbücher, Tier-Bilder, Hörbücher).

Im Umgang mit der Traurigkeit anderer zeigten sich deutlich ausgeprägte soziale und empathische Kompetenzen: zuhören und präsent sein, Gemeinschaft herstellen (z. B. zusammen essen oder etwas unternehmen), körperliche Zuwendung – sofern vom Gegenüber erwünscht (z. B. Umarmungen), aktive Aufmunterung oder Ablenkung, kreative Gesten wie kleine Geschenke. 

Diese Ergebnisse verdeutlichten mehrere zentrale fachliche Aspekte: Zum einen wird sichtbar, dass Mädchen* bereits über vielfältige individuelle und soziale Ressourcen verfügen, die im Kontext von Jugend(sozial)arbeit gezielt gestärkt werden können. Zum anderen unterstrich der Beitrag die hohe Bedeutung von Beziehungen, Vertrauen und emotionaler Sicherheit als Grundlage für psychische Stabilität/-sierung.

Konsequenten Partizipation ist hierbei wesentlich: Die Perspektiven der Mädchen* selbst werden in der Arbeit nicht nur erfragt, sondern als Ausgangspunktfür pädagogisches Handeln genutzt. Dadurch entsteht eine bedarfsorientierte und anschlussfähige Praxis, die an den tatsächlichen Zielgruppen-Lebenswelten ansetzt.

Darüber hinaus wurde deutlich, dass auch solche niedrigschwelligen Einrichtungen eine zentrale Rolle in der Prävention spielen. Sie bieten frühe Zugänge zu Unterstützung und verlässliche Beziehungsangebote, Räume für Austausch, Entlastung und Selbstwirksamkeit sowie alltagsnahe Möglichkeiten zur Stärkung von Resilienz

Im Kontext des Fachtags ließ sich der Beitrag als wichtige Ergänzung zu den anfänglichen stärker systemisch oder klinisch ausgerichteten Beiträgen/ Ansätzen einordnen. Er machte deutlich, dass mentale Gesundheit nicht ausschließlich im Rahmen professioneller Hilfesysteme bearbeitet wird, sondern wesentlich im Alltag, in Beziehungen und in sozialräumlichen Kontexten entsteht und gestärkt wird.

Insgesamt zeigte der Vortrag eindrücklich, wie durch einfache, partizipative Methoden und eine ressourcenorientierte Haltung zentrale Erkenntnisse für die Praxis gewonnen werden können – und wie niedrigschwellige Mädchen*arbeit einen unverzichtbaren Beitrag zur Förderung psychischer Gesundheit leistet. (Hierbei wurde – im Gegensatz zu den vorangehenden Beiträgen – gezielt auf die Arbeit mit eher jüngeren Mädchen* eingegangen, um Ansätze der frühzeitigen Resilienzförderung zu zeigen.)

(Hervorzuheben ist zudem, dass im Kontext des Beitrags auch die Themen der Crosswork-Arbeit (weiblicher Fachkräfte mit Jungen* sowie männlicher Fachkräfte mit Mädchen*) thematisiert wurde. Dies hatte sich u.a. aus der spezifischen Lage des Mädchentreffs ergeben: auf dem gleichen Gelände wie das zugehörige Jugendhaus. (Mit Blick auf den Umstand der geteilten Liegenschaft sowie der anteilig geteilten Fachkräfte wurden kurz positive organisatorische Konsequenzen, aber auch negative Folgen angesprochen; bspw. Zugangshürden für zugewanderte Mädchen* mit konservativ eingestellten Eltern.) Zudem war die andere Reaktion von Jungen* auf die o.s. Fragen angesprochen worden, da diese in der Regel „eigene Traurigkeit“ nicht zugaben.)

9. Niedrigschwellige psychosoziale Beratung in der Offenen Mädchen*arbeit: Bedarfe, Zugänge und Vernetzung

Anja Rabeneck (mädCHENtreff Schanzenviertel e.V. Hamburg) & Pia D’Agostino & Projekt „Einfach Reden“ - psychologische Beratung für Mädchen* und junge Frauen* in Altona“

Im vorletzten, wiederum zweiten Vortrag direkt aus der Praxis der Mädchen*arbeit stellten Anja Rabeneck und Pia D’Agostino den Mädchentreff Schanzenviertel e.V. in Hamburg sowie das daran angebundene psychologische Beratungsangebot „Einfach reden“ vor. Der Mädchentreff ist eine kleine Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit einem klar feministischen Selbstverständnis und langjähriger Erfahrung in stadtteilbezogener Mädchen*arbeit sowie mit Vernetzungsprojekten. Zentrale Prinzipien der Arbeit sind Parteilichkeit, Empowerment sowie eine konsequente Orientierung an den Bedürfnissen und Perspektiven der Besucherinnen.

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf Einblicken in den pädagogischen Alltag und den dort sichtbar werdenden mentalen Bedarfen unterschiedlicher Altersgruppen. Dabei wurde deutlich – wie auch bereits in den anfänglichen wissenschaftlich-psychologischen Beiträgen angeführt –, dass sich psychische Belastungen bereits im Kindesalter zeigen, sich jedoch in ihrer Ausprägung und Thematik je nach Lebensphase unterscheiden.

Für jüngere Mädchen* (ca. 8–15 Jahre) wurden v.a. folgende Beobachtungen benannt: geringe Frustrationstoleranz und Überforderung, teils schwierige Gruppendynamiken, andererseits oft starke Anpassungsleistungen bei gleichzeitiger innerer Belastung, dann Tendenzen zu Rückzug und Isolation. 

Als zentrale Themen in dieser Altersgruppe benannt wurden wiederum u.a. Trennung der Eltern, Schulstress, Mobbing, Ausgrenzungs- oder Diskriminierungserfahrungen sowie Belastungen durch psychisch erkrankte Eltern. 

Anhand eindrücklicher Zitate von Besucherinnen* wurde verdeutlicht, wie tiefgreifend diese Erfahrungen wirken – etwa Schuldgefühle bei elterlichen Konflikten oder die langfristige psychische Belastung durch Mobbing. Zudem wurde an dieser Stelle auch auf die spezifischen Bedarfe und Belastungen von Mädchen* mit kognitiven Beeinträchtigungen in der offenen Arbeit eingegangen.

Bei älteren Mädchen* und jungen Frauen* (ca. 18–27 Jahre) wiederum zeigten sich deutlich komplexere und teilweise manifestierte psychischeProblemlagen – für die „präventive Angebote“ wiederum längst zu spät kämen – , wie Depressionen und Angststörungen (z. B. Sozialphobie), posttraumatische Belastungsstörungen, Psychosen oder auch bereits Substanzkonsum.

Auch hier wiederum spielen belastende Lebensereignisse eine zentrale Rolle, darunter Todesfälle im nahen Umfeld, Gewalterfahrungen, restriktive familiäre Strukturen sowie Flucht- und Migrationserfahrungen. 

Vor diesem Hintergrund wurde das Beratungsprojekt „Einfach reden… – Altona“ als zentrales „best practice“-Beispiel vorgestellt. Das Angebot entstand 2022 im Kontext der Corona-Aufholprogramme und wurde anschließend verstetigt. Es handelt sich um ein niedrigschwelliges, anonymes und parteiliches Beratungsangebot für Mädchen* und junge Frauen*, das bewusst an bestehende Lücken im Versorgungssystem anknüpft u.a. durch Einbindung einer eigens angestellten Psychologin (über Honorarmittel).

Zentrale Merkmale des Angebots sind:

  • anonyme und kostenfreie Beratung, u. a. per SMS
  • flexible, kontinuierliche Begleitung sowie kurzfristige Unterstützung in Krisen
  • niedrige Zugangsschwellen ohne bürokratische Hürden
  • eine klare parteiliche und empowernde Haltung. 

Besonders hervorgehoben wurde zudem die enge Vernetzung mit anderen Akteur*innen:
Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, Schulen, Eltern, Jugendamt, Familienberatungsstellen, Gesundheitsamt und weiteren psychosozialen Diensten.

Diese Vernetzung ermöglicht es, bei Bedarf weiterführende Hilfen einzubeziehen und gleichzeitig die niedrigschwellige Erstansprache aufrechtzuerhalten.

Neben den Angebots -Stärken wurden auch Herausforderungen/ Schwächen benannt:

  • geringe Personalmittel, daher häufiger Personalwechsel bei der Psychologin (# kontraproduktiv für Beziehungsaufbau zu den Mädchen*)
  • Spannungsfeld zwischen Schweigepflicht und notwendiger Vernetzung/ Auskünfte der Psychologin gegenüber dritten Stellen/ weiterführender Hilfe
  • geringe Verlässlichkeit/ Strukturschwäche der Ratsuchenden (Lebenslagen).

Als zentrale Schlussfolgerungen für die Mädchen*sozialarbeit formulierten die Referentinnen, dass die Gestaltung niedrigschwelliger und flexibler Angebote zur mentalen Gesundheitsförderung essenziell ist. Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) müssten daher noch stärker als wichtige „Präventionsräume“ gesehen und gefördert werden. (Inklusive einer stärkeren strukturellen Verankerung psychosozialer Unterstützungsangebote in diesen Settings.)

Zugleich wurde eine weiterführende Perspektive eröffnet, indem die Frage nach der Situation von Jungen* aufgeworfen wurde – insbesondere im Hinblick auf deren Zugänge zu Unterstützungsangeboten und geschlechtersensible Ansätze.

Insgesamt machte der Vortrag deutlich, wie eng pädagogische Alltagsarbeit und psychosoziale Unterstützung miteinander verknüpft sind bzw. sein müss(t)en und können und wie wichtig integrierte, niedrigschwellige und beziehungsorientierte Angebote für die Förderung mentaler Gesundheit von jungen Frauen* sind.

10. Ganzheitliche Prävention und Empowerment in der Mädchen*arbeit: Kreative und partizipative Zugänge zur Stärkung mentaler Gesundheit

Marlen Berg (M. A. Erziehungs-/Literaturwissenschaft, Übungsleiterin Breitensport; Projektleitung im Mädchentreff MiA - Mädchen in Aktion, Frauenzentrum Cottbus e. V.):

Im letzten Vortrag stellte Marlen Berg die Arbeit des Mädchentreffs MiA in Cottbus vor, einer seit über 35 Jahren bestehenden Einrichtung der Mädchen*arbeit mit breiter, sogar überregionaler Vernetzung. Die Einrichtung richtet sich an Mädchen* und junge Frauen* im Alter von 6 bis 27 Jahren und erreicht jährlich rund 2.900 Nutzerinnen*.

Die Arbeit des Mädchen*treffs ist vielfältig angelegt und verbindet offene Treffarbeit mit Bildungs-, Beteiligungs- und Präventionsangeboten: zentrale Schwerpunkte sind Empowerment, Beziehungsarbeit, niedrigschwellige Beratung in allen Lebenslagen, Medienarbeit, politische und gesellschaftliche Teilhabe, Gleichstellung, Prävention.

Ein zentraler Teil des Vortrags widmete sich „Momentaufnahmen“ zur psychischenVerfasstheit der Besucherinnen*, die für den Vortrag Zuarbeiten geleistet hatten (kreative Ausdrucksformen wie Bilder, Gedichte, Zitate), damit bewusst deren subjektive, emotionale Perspektive einfließen konnte. Hierin wurden eindrücklich zentrale Erfahrungen verdeutlicht wie: anhaltende innere Unruhe und Gedankenkreisen, Gefühle von Überforderung und Nicht-Zugehörigkeit, Spannungszustände zwischen Belastung und Momenten von Leichtigkeit, Ambivalenzen zwischen Rückzug und dem Wunsch nach Verbindung. 

Die Zitate machten deutlich, dass psychische Belastungen häufig nicht eindeutigsichtbar sind, sondern sich in komplexen inneren Prozessen äußern, die für Fachkräfte sensibel wahrgenommen werden müssen.

Als zentraler Ansatz der Einrichtung wurde die Verbindung von präventiver Arbeit, Beziehungsarbeit und alltagsnahen Angeboten hervorgehoben. Als wichtiges good practice-Beispiel ist dabei die Gestaltung von Mitmachangeboten zur (mindestens indirekten) Förderung psychischer und körperlicher Gesundheit anzuführen. Dazu zählen bei MiA u.a. Kurse für Selbstbehauptung/-fürsorge/-verteidigung, Empowerment-Angebote, Bewegungs- und Freizeitaktivitäten, Auseinandersetzung mit gesunder Ernährung/ Kochen (auch digitalen Angebote – auch nach Corona bspw. für introvertiertere Mädchen*), gemeinsame Fahrten und Gruppenangebote. 

Diese Angebote zielen nicht nur auf Wissensvermittlung, sondern v.a. auf soziale Einbindung, emotionale Stabilisierung und das Erleben von Selbstwirksamkeit sowie Wertschätzung der Individualität. Besonders betont wurde die Bedeutung des sozialen Miteinanders als stabilisierender Faktor: Gemeinschaft, Zugehörigkeit und positive Beziehungen, dabei aber auch Offenheit, Freiwilligkeit und erlebte Freiräume wirken als zentrale Schutzfaktoren für mentale Gesundheit. 

Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei MiA dabei auch auf präventiver Bildungsarbeit im Kontext von Körper, Entwicklung, Aufklärung, Sexualität, (Selbst)Liebe, Identität und Grenzsetzung. Hierzu wurden vielfältige methodische Ansätze vorgestellt:

  • „Präventionskoffer“ mit diversen Materialien zu allen Themen als niedrigschwellige Gesprächsanlässe und für Workshops
  • Methoden wie „Bullshit-Bingo“ zur Reflexion von Rollenbildern, Klischees, Stereotypen und gesellschaftlichen Normen
  • Kreativworkshops zu Themen wie Weiblichkeit, Körperliebe, Frauen weltweit 
  • medienpädagogische Projekte zur eigenen Gestaltung von Inhalten/ Merchandise/ Give-aways und Ausdrucksformen.

Zentral ist dabei eine Haltung, die auf Offenheit, Enttabuisierung und Dialog setzt. Gespräche werden bewusst niedrigschwellig gestaltet – mit dem Ziel, Fragen und Unsicherheiten aufzugreifen, ohne zu belehren oder zu normieren. Prinzipien hierbei sind zudem: Machen lassen, animieren, gemeinsam etwas schaffen.

(Nach vielfacher Nachfrage werden diese Materialien, obwohl nicht zum ursprünglichen eigenen Auftrag gehörend, von MiA mittlerweile auch für den Kontext von Jungen*arbeit angeboten.)

Ein innovatives Format stellt zudem der über soziale Medien verbreitete LivestreamLet’s talk about“ dar. In diesem einstündigen, anonym nutzbaren Format können junge Menschen Fragen zu verschiedenen Themen einreichen, die von den MiA-Fachkräften sowie eingeladenen Expert*innen beantwortet werden. Dieses Angebot verbindet Aufklärung ohne Belehrung, das Zeigen der eigenen Haltung der Fachkräfte, Partizipation und digitale Reichweite und stellt damit eine wichtige Ergänzung zu klassischen Präsenzformaten dar.

Insgesamt wurde im Vortrag deutlich, dass eine ganzheitliche Förderung psychischer Gesundheit insbesondere gelingt durch die Verbindung von verlässlicher Beziehungsarbeit, partizipative und kreative Methoden, niedrigschwelligen, lebensweltnahenZugängen sowie Räumen für Austausch, Selbstreflexion und Gemeinschaft.

Auch dieser Beitrag unterstrich damit eindrücklich die zentrale Rolle offener Mädchen*arbeit als präventiver Raum, in dem mentale Gesundheit nicht nur thematisiert, sondern aktiv gestärkt wird. Besonders die Kombination aus kreativen, körperbezogenen und dialogischen Ansätzen wurde ist als wirksames Beispiel für gelingende Praxis hervorzuheben.

Fazit

Der Fachtag zeigte eindrücklich, dass die mentale Gesundheit von Mädchen* und jungen Frauen* ein hochkomplexes und zugleich hochrelevantes Handlungsfeld ist, das nur interdisziplinär und intersektional angemessen bearbeitet werden kann. Die Beiträge aus Wissenschaft, Praxis, psychosozialer Versorgung und Jugendsozialarbeit verdeutlichten übereinstimmend, dass psychische Belastungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben und insbesondereMädchen* und junge Frauen* sowie trans- und nicht-binäre wie auch BIPoC-Jugendliche in spezifischer Weise betroffen sind.

Zugleich wurde deutlich, dass mentale Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern eng mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie Geschlechterverhältnissen, sozialen Ungleichheiten, Diskriminierungserfahrungen, Flucht und Armut sowie digitalen Lebenswelten verknüpft ist. Diese Zusammenhänge erfordern eine mit Blick auf die Fachkräfte konsequent Privilegien-hinterfragende, selbstkritische und reflektierte sowie wiederum mit Blick auf die Zielgruppe gendersensible, diskriminierungskritische und lebensweltorientierte Perspektive in der Jugendsozialarbeit.

Als zentrale Erkenntnis aus allen Beiträgen lässt sich festhalten, dass wirksame Unterstützung vor allem dort entsteht, wo niedrigschwellige, beziehungsorientierte und partizipative Angebote vorhanden sind. Offene Mädchenarbeit, aufsuchende Hilfen, Peer-to-Peer-Ansätze, digitale Beratungsformate sowie interdisziplinäre Kooperationen wurden als besonders wirkungsvolle „best practice“-Beispiele hervorgehoben. Dabei zeigte sich immer wieder die große Bedeutung von Vertrauen, Kontinuität und echter Beteiligung der Adressatinnen.

Zudem wurde ein deutlicher Bedarf an strukturellen Verbesserungen problematisiert:

  •  bessere Verzahnung von Jugendhilfe und Gesundheitssystem (Ärzt*innen, Therapeut*innen, Psychater*innen, Kliniken, psychiatrische häusliche Krankenpflege u.a. Dienste – am besten im Rahmen von Netzwerken)
  • Ausbau niedrigschwelliger und ambulanter Angebote
  • mehr Ressourcen und Entlastung für Fachkräfte sowie deren systematische Qualifizierung im Bereich mentaler Gesundheit, kultur-, diversitäts- und traumasensibler, rassismuskritischer Arbeit
  • stärkere politische Priorisierung und Förderung des Themas.

Der Fachtag war damit nicht nur eine Plattform für Wissensvermittlung, sondern insbesondere für fachlichen Austausch u.a. von Ideen, Herausforderungen und Bedarfen wie auch best practice Beispielen, Reflexion und Vernetzung. Er führte vielfältige Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen und Handlungsfelder zusammen, machte bestehende Lücken wie aber auch Möglichkeiten (etwa durch den Blick in unterschiedliche Bundesländer) sichtbar und gab somit wertvolle, auch konkrete Impulse für die Weiterentwicklung gendersensibler Jugendsozialarbeit.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden relevante wissenschaftliche Erkenntnisse mit praxisnahen Erfahrungen verbunden, innovative Ansätze sichtbar gemacht und der bundesweiten Austausch zwischen Fachkräften gestärkt. Die hohe Beteiligung, die inhaltliche Tiefe sowie Diversität der Beiträge und der angeregte Austausch im Fachtagsrahmen unterstreichen den großen Bedarf an weiteren Formaten dieser Art.

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