Die BAG EJSA Sommerreise
Unterwegs in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen
Die Sommerreise 2026 führte die Geschäftsführenden der BAG EJSA durch ihre Mitgliedsverbände Sachsen, Mitteldeutschland (mit Sachsen-Anhalt und Thüringen) und Hessen. In Dresden, Halle/Saale, Bitterfeld, Altenburg, Gießen und Frankfurt/Main hat die Reisegruppe Menschen getroffen, die sich mit großem Engagement für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen einsetzen.
Das Format BAG EJSA-Sommerreise soll sichtbar machen, was Jugendsozialarbeit leistet – und was sie braucht, um wirksam zu bleiben: Verlässliche Strukturen, ausreichende Finanzierung und politische Rückendeckung. Fachkräfte, Trägervertreter*innen und junge Menschen kommen vor Ort zu Wort mit Einblicken in die Praxis, mit Kritik, aber auch mit ermutigenden Beispielen.
Zu Besuch bei der Schulsozialarbeit am Gymnasium Bürgerwiese in Dresden
Unsere erste Station führte uns an das Bürgerwiese Gymnasium in Dresden. Hier ist Schulsozialarbeit nicht ein zusätzliches Angebot am Rand des Systems Schule, es ist vielmehr Teil einer gewachsenen Schulgemeinschaft, die über viele Jahre gemeinsam entwickelt wurde.
Die Fachkräfte der Schulsozialarbeit sind fester Bestandteil eines multiprofessionellen Teams. Sie begleiten Klassen, gestalten Präventionsangebote, unterstützen bei Konflikten, beraten Schüler*innen und schaffen Räume für Beteiligung. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass Schulsozialarbeit weit mehr ist als Krisenintervention. „Schulsozialarbeit ist nicht nur Feuerwehr spielen. Sie ist viel, viel mehr“, so Schulleiter Jens Reichel. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen zeigt sich ihre Bedeutung. Die Folgen der Corona-Pandemie, Unsicherheiten durch Kriege und globale Krisen, Leistungsdruck, Zukunftssorgen und die permanente Präsenz sozialer Medien prägen den Alltag vieler junger Menschen. Die Schulsozialarbeiterinnen Christin Goldammer und Marlene Hovstedt berichteten von steigenden Beratungsanfragen und einer wachsenden Zahl psychischer Belastungen. Gleichzeitig erleben sie junge Menschen als engagiert, kreativ und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Besonders beeindruckend war das Engagement der Schüler*innen, als die Schulsozialarbeit im Rahmen von Haushaltskürzungen 2024 in Frage gestellt wurde. Mit Demonstrationen, Aktionen und öffentlichen Stellungnahmen machten sie deutlich, welchen Wert die sozialpädagogische Arbeit für ihre Schule besitzt. Und organisierten sich damit die Erfahrung, dass die eigene Stimme etwas bewirken kann.
JiL - Offene Kinder- und Jugendarbeit der Laurentiusgemeinde Dresden
Wie wichtig Erfahrungsräume sind, wurde auch bei unserer zweiten Station deutlich, im JiL (Jung in Laurentius). Die Offene Kinder- und Jugendarbeit der Laurentiuskirchgemeinde Dresden bietet einen Begegnungs- und Erfahrungsraum für Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil. Niemand muss kommen. Niemand wird bewertet. Niemand muss Leistung erbringen. „Dieser Raum ist unverzweckt“ wie ein Mitarbeiter des Jil sagte.
Besonders eindrucksvoll ist das Tonstudio des Jugendtreffs. Was einst als Wunsch einiger Jugendlicher begann, hat sich zu einem professionell ausgestatteten Kreativraum entwickelt. Hier entstehen Musikprojekte, Podcasts und eigene Produktionen. Jugendliche erwerben technische Fähigkeiten, stärken ihr Selbstvertrauen und erleben Selbstwirksamkeit.
Offene Kinder- und Jugendarbeit eröffnet Erfahrungsräume, die in anderen Kontexten oft fehlen. Und sie schaffen Möglichkeiten, sich sinnvoll zu beschäftigen. Junge Menschen können Verantwortung übernehmen, Projekte gestalten und eigene Ideen verwirklichen. Ein Satz eines Jugendlichen brachte dies besonders treffend auf den Punkt: „Von nichts kommt nichts – und aus nichts wird Blödsinn.“ Dahinter steckt eine ernsthafte Erkenntnis: Offene Kinder- und Jugendarbeit schafft die Voraussetzungen dafür, dass junge Menschen ihre Potenziale entfalten können.
Im Gespräch wurde auch deutlich, welche Folgen Kürzungen in den kommunalen und Landeshaushalten haben. Offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein professionelles Angebot der Kinder- und Jugendhilfe. Sie fördert das Ehrenamt, aber sie macht sich damit nicht selbst überflüssig. Der Wegfall einzelner Öffnungstage infolge von Kürzungen bedeutet im JiL weniger Angebot und oft den Verlust von Beziehungen. Fachkräfte berichteten von Jugendlichen, die seit Kürzungen nicht mehr erreicht werden, weil genau die Zeitfenster weggefallen sind, in denen sie den Treff nutzen konnten.
Im Gespräch mit Kirche und Diakonie im Landesjugendpfarramt Dresden
Im Gespräch am Nachmittag im Jugendpfarramt mit dem Vorstand der Diakonie Sachsen Dietrich Bauer sowie Landesjugendpfarrer Georg Zimmermann und dem Geschäftsführer des Landesjugendpfarramtes Rüdiger Steinke wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, soziale Infrastruktur als demokratische Infrastruktur zu verstehen. Schulsozialarbeit und Offene Kinder- und Jugendarbeit sind als wichtige Teile einer professionell aufgestellten Kinder- und Jugendhilfe kein Sparpotential. Sie sind zentrale Bestandteile einer sozialen Infrastruktur und Basis eines lebenswerten Gemeinwesens.
Demokratie wird dort gelernt, wo junge Menschen erleben, dass ihre Meinung zählt und wo sie Verantwortung übernehmen können. Das passiert durch die Schulsozialarbeit ebenso wie in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Leider stehen genau diese Angebote vielerorts unter Druck. Fachkräfte berichteten von angespannten kommunalen Haushalten, Kürzungsdebatten und zunehmenden politischen Angriffen auf Angebote der Jugendhilfe.
Gleichzeitig beobachten viele Träger eine Entwicklung, die nachdenklich stimmt: Dort, wo professionelle Angebote verschwinden, entstehen Leerstellen. Und „aus Nichts wird Blödsinn“, in unterschiedlichsten Formen. Das kann nicht im Interesse einer demokratischen Gesellschaft sein.
Ein weiterer Schwerpunkt der Gespräche war das Zusammenspiel unterschiedlicher Akteure. Schulen, freie Träger, Kommunen, Kirchen, Jugendverbände und Fachkräfte der Jugendhilfe übernehmen gemeinsam Verantwortung für das Aufwachsen junger Menschen. Gute Zusammenarbeit entsteht nicht von selbst. Sie braucht Zeit, Vertrauen und verlässliche Rahmenbedingungen. Viele Gesprächspartner*innen warnten davor, Angebote der Kinder- und Jugendhilfe ausschließlich unter Kostenaspekten zu betrachten. Präventive Angebote entfalten ihre Wirkung oft erst langfristig. Sie verhindern Krisen, bevor diese sichtbar werden – das Präventionsparadox. Investitionen in die Kinder- und Jugendhilfe sind Investitionen in Demokratie und gesellschaftlichen. Zusammenhalt. Hier zu sparen, rechnet sich einfach nicht.
Jugendmigrationsarbeit in der strukturschwachen Region Bitterfeld-Wolfen
Der Jugendmigrationsdienst in Bitterfeld-Wolfen begleitet junge Menschen bereits seit vielen Jahren beim Ankommen, beim Schulbesuch und auf dem Weg in Ausbildung und Beruf. Die Arbeit reicht dabei weit über klassische Beratung hinaus. Die Fachkräfte unterstützen bei Schulanmeldungen, begleiten Behördengänge, vermitteln zu Ärzt*innen, helfen bei der Ausbildungsplatzsuche und stehen in engem Austausch mit Schulen, Jugendhilfe, Verwaltung und weiteren Partnern vor Ort.
Besonders im ländlichen Raum sind diese Unterstützungsstrukturen von großer Bedeutung. Lange Wege, fehlende Fachärzt*innen, begrenzte Mobilitätsangebote und ein angespannter Wohnungsmarkt erschweren vielen Familien den Alltag zusätzlich. Für neu zugewanderte junge Menschen kommen Sprachbarrieren, aufenthaltsrechtliche Fragen und die Orientierung in einem komplexen Bildungs- und Ausbildungssystem hinzu.
Die Mitarbeitenden des Jugendmigrationsdienstes beschrieben ihre Aufgabe deshalb als eine Art „Expeditionsleitung“ durch einen Dschungel aus Zuständigkeiten, Verfahren und Anforderungen. Gemeinsam mit den jungen Menschen werden Perspektiven entwickelt, Bildungswege geplant und Hindernisse überwunden. Dazu gehört auch, Rückschläge auszuhalten und neue Wege zu suchen, wenn Bewerbungen erfolglos bleiben oder bürokratische Hürden den nächsten Schritt verzögern.
Wie wirksam diese Begleitung ist, zeigt sich insbesondere beim Übergang von Schule in Ausbildung oder Beruf. Allein im vergangenen Jahr konnten zahlreiche junge Menschen erfolgreich in Ausbildung, Studium, Freiwilligendienste oder weiterführende Bildungsangebote vermittelt werden.
Deutlich wurde zugleich, dass viele Aufgaben inzwischen zusätzlich durch die fortschreitende Digitalisierung entstehen. Zahlreiche Anträge, Terminvergaben und Verwaltungsverfahren laufen ausschließlich über digitale Portale. Fehlende technische Ausstattung, Sprachbarrieren oder komplizierte Anmeldeverfahren führen dazu, dass Unterstützungsbedarf entsteht, der wiederum bei den Beratungsdiensten landet.
Die Fachkräfte machten deutlich, dass Digitalisierung Arbeitsprozesse erleichtern kann, persönliche Beratung aber nicht ersetzt. Gerade in komplexen Lebenslagen bleiben direkte Kontakte, Vertrauensaufbau und individuelle Begleitung unverzichtbar.
Intensiv diskutiert wurde auch das Auslaufen des Bundesprogramms Respekt Coaches. Die beteiligten Fachkräfte berichteten von einer hohen Wertschätzung an den Schulen. Über Jahre sind Kooperationen entstanden, die Angebote zu Demokratiebildung, Antidiskriminierung und gesellschaftlichem Zusammenhalt ermöglicht haben. Die Arbeit der Respekt Coaches sei dabei nicht als Zusatzangebot verstanden worden, sondern als wichtiger Bestandteil schulischer Präventionsarbeit. Und die braucht Zeit. Vertrauen entsteht nicht innerhalb weniger Wochen. Umso größer ist die Sorge vieler Beteiligter, dass mit dem Ende von Bundesprogrammen gewachsene Strukturen verloren gehen.
Der Besuch in Bitterfeld-Wolfen hat eindrucksvoll verdeutlicht, welche Wirkung Jugendmigrationsdienste und schulbezogene Präventionsangebote entfalten können. Sie schaffen Orientierung, eröffnen Perspektiven und tragen dazu bei, dass junge Menschen ihren Platz in Schule, Ausbildung und Gesellschaft finden.
Partnerschaftliche Zusammenarbeit in Bestform: Aufsuchende Jugendsozialarbeit in Altenburg
Auf dem Programm in Altenburg standen Gespräche mit Fachkräften der aufsuchenden Jugendsozialarbeit des Magdalenenstifts, Vertreter*innen des Jugendamtes sowie Mitarbeitenden der Stadtverwaltung. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Strukturen junge Menschen benötigen, damit Unterstützung verlässlich wirkt und Teilhabe gelingen kann.
Mit dem Jugendzentrum East Side als offenem Treffpunkt für Kinder und Jugendliche, The Base als Jugendclub im Altenburger Norden, dem TeeMobil als aufsuchendes Angebot im öffentlichen Raum sowie der Mobilen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit im gesamten Stadtgebiet und darüber hinaus setzt das Magdalenenstift eine Vielfalt an niedrigschwelligen Angeboten für junge Menschen um.
Seit vielen Jahren suchen die Mitarbeitenden bewusst den Kontakt zu jungen Menschen an den Orten, wo diese sich aufhalten. Damit machen sie sich ansprechbar, ohne ihre Angebote aufzudrängen. Gerade diese Freiwilligkeit ist ein zentrales Merkmal der niedrigschwelligen Jugendsozialarbeit.
In den Gesprächen in unterschiedlicher Konstellation wurde immer wieder deutlich, dass sich die Anforderungen an die Arbeit verändert haben. Fachkräfte berichten von komplexeren Problemlagen, längeren Begleitungen und einem steigenden Bedarf an individueller Unterstützung.
Gleichzeitig wurde sichtbar, dass diese Herausforderungen nicht isoliert betrachtet werden können. Jugendhilfe, Schule, Verwaltung und freie Träger arbeiten in Altenburg eng zusammen. Die Beteiligten kennen sich häufig seit vielen Jahren, tauschen sich regelmäßig aus und entwickeln gemeinsam Lösungen. Damit praktizieren sie im besten Sinne partnerschaftliche Zusammenarbeit. Die daraus erwachsenen Netzwerke wurden von vielen Gesprächspartner*innen als wesentliche Stärke der Region beschrieben.
Besonders eindrucksvoll war dabei die Offenheit, mit der auch bestehende Schwierigkeiten angesprochen wurden. Ein zentrales Thema war die Wohnsituation junger Menschen. Fachkräfte schilderten, dass es zunehmend schwerfällt, passende Wohnangebote für junge Erwachsene zu finden, die Unterstützung benötigen, aber nicht mehr in die Zuständigkeit der Jugendhilfe fallen. Übergänge zwischen unterschiedlichen Hilfesystemen gestalten sich oft kompliziert, Zuständigkeiten sind nicht immer eindeutig und geeigneter Wohnraum fehlt.
Die Diskussion machte deutlich, dass soziale Probleme selten an gesetzlichen Altersgrenzen enden. Vielmehr benötigen junge Menschen auch nach dem Übergang ins Erwachsenenalter verlässliche Begleitung und passgenaue Unterstützungsangebote. Dafür braucht es funktionierende Schnittstellen zwischen Jugendhilfe, Sozialhilfe, Wohnungswirtschaft und kommunalen Akteur.
Ein weiteres Thema war die Fachkräftesituation. Auch in Altenburg wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen und langfristig zu halten. Gleichzeitig waren sich die Gesprächspartner einig, dass die Qualität der Angebote unmittelbar von gut ausgebildeten Fachkräften abhängt.
Trotz aller Herausforderungen war die Grundstimmung der Gespräche bemerkenswert konstruktiv und positiv. Viele der heute bestehenden Angebote sind über Jahre und teilweise Jahrzehnte gewachsen. Sie beruhen auf Kontinuität, fachlicher Entwicklung und dem gemeinsamen Willen, soziale Infrastruktur vor Ort zu erhalten.
Der Besuch in Altenburg hat gezeigt, dass die Strukturen, die Zusammenarbeit der Beteiligten und die Bereitschaft, junge Menschen über längere Zeiträume zu begleiten entscheidend sind. Gerade in Regionen, die vor demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen stehen, sind diese Voraussetzungen von besonderer Bedeutung.
Sozialräumliche Arbeit konkret, diskutiert mit Bundestagsabgeordneten in der Jugendwerkstatt Gießen
Sozialräumliche Arbeit konkret, diskutiert mit Bundestagsabgeordneten in der Jugendwerkstatt Gießen
In der Jugendwerkstatt Gießen werden seit mehr als vier Jahrzehnten junge Menschen beim Einstieg in Ausbildung und Beruf gefördert und begleitet. Dabei wird berufliche Qualifizierung mit sozialpädagogischer Unterstützung verknüpft. Das eröffnet jungen Menschen neue Perspektiven.
Beim Rundgang durch die Werkstätten mit ihren unterschiedlichen Gewerken wurde sichtbar, wie praxisnah Lernen hier gestaltet wird. Ob in der Holz- oder Metallwerkstatt, im Baubereich, in der Fahrradwerkstatt, im Kaufhaus oder in der Küche – überall arbeiten junge Menschen an konkreten Aufgaben und sammeln Erfahrungen in realitätsnahen Arbeitszusammenhängen. Sie erfahren die Wirkungen ihrer Arbeit ganz konkret, wenn z.B. das Essen in der Kantine gelobt wird oder ein von ihnen gefertigtes Werkstück im Kaufhaus einen Käufer findet. Besonders beeindruckend war die Kreativ- und Textilwerkstatt. Hier entstehen aus unterschiedlichsten Materialien neue Produkte, Ideen werden entwickelt und umgesetzt, handwerkliche Fähigkeiten erprobt und kreative Potenziale entdeckt. „Die Textilwerkstatt ist das Schweizer Taschenmesser der Jugendwerkstatt.“, wie es ein dort mit einer Häkelarbeit beschägftigter junger Mann treffend benannte. Schwerpunkt und Besonderheit in der Jugendwerkstatt Gießen ist die psychosoziale Begleitung in den Bildungsmaßnahmen. Sie ermöglicht den jungen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang, um ggf. notwendigen Therapiebedarf feststellen und anbahnen zu können.
Im Austausch mit den anwesenden Bundestags- und Landtagsabgeordneten wurde deutlich, welche Bedeutung solche Angebote für den Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf haben. Die Jugendwerkstatt schafft Lern- und Erfahrungsräume für junge Menschen, die in regulären Bildungswegen häufig Unterstützung benötigen. Dabei geht es um fachliche Qualifizierung, um Selbstvertrauen, Orientierung und die Entwicklung persönlicher Perspektiven.
Bundesprogramme in der Krise: Evangelischer Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V.
Im Zentrum der Veranstaltung in Frankfurt stand die Frage, welche Folgen der Abbau bewährter Unterstützungsangebote für junge Menschen hat. Gemeinsam mit Vertreter*innen aus Landespolitik, Stadtverwaltung und Fachpraxis diskutierte die BAG EJSA die Situation von Jugendmigrationsdiensten, Integrationsangeboten und inklusiven Bildungsprojekten vor dem Hintergrund gekündigter Bundesprogramme wie Respekt Coaches, Mental Health Coaches und Garantiefonds-Hochschule. Johannes Löschner vom Evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main brachte die Herausforderung auf den Punkt: „Heute geht es nicht nur um Projekte. Es geht um junge Menschen. Um ihre Chancen. Und um unsere gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.“
Besonders eindrücklich war der Bericht über das inklusive Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt Rothschild. Hier lernen und arbeiten hörende und gehörlose junge Menschen gemeinsam. Inklusion wird nicht als Sonderlösung verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Bildung, Qualifizierung und Ausbildung. Seit Jahren schafft das Projekt erfolgreiche Übergänge in Ausbildung und Beruf und eröffnet jungen Menschen neue Perspektiven. Die größte Herausforderung liegt dabei nicht in der pädagogischen Arbeit, sondern in den Rahmenbedingungen. Die Finanzierung notwendiger Gebärdensprachdolmetschung ist vielerorts nicht dauerhaft gesichert. Dabei zeigt das Projekt eindrucksvoll, dass inklusive Bildung und Qualifizierung funktionieren können, wenn die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Teilnehmenden waren sich einig: Inklusion darf nicht an bürokratischen Hürden oder ungeklärten Zuständigkeiten scheitern.
Am Beispiel des Jugendmigrationsdienstes wurde dann herausgearbeitet, welche Bedeutung langfristig abgesicherte Beratungsstrukturen für Integration und gesellschaftliche Teilhabe haben. Allein in Frankfurt begleitet der Jugendmigrationsdienst jährlich mehr als 600 junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung beim Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beruf. Ergänzt wird diese Arbeit durch Angebote wie den Garantiefonds Hochschule, der junge Zugewanderte auf ihrem Weg ins Studium unterstützt. Nach mehr als 50 Jahren soll dieses Programm zum Ende des Jahres 2026 beendet werden. Es bleibt unklar, wie in Zukunft junge Migrant*innen, für die der Einstieg in ein Studium aufgrund ihrer individuellen Situation eine besondere Hürde ist, diese ohne die qualifizierte Beratung überwinden können.
Beeindruckend waren die Berichte der jungen Menschen, die mit Unterstützung der Angebote des Evangelischen Vereins ihren Weg ins Leben gefunden haben. Sie wiesen ebenso wie die Fachkräfte auf die wachsenden Herausforderungen hin: Gesellschaftliche Polarisierung, psychische Belastungen, erschwerte Zugänge zu Sprachkursen und zunehmende Unsicherheit bei Bildungs- und Berufswegen prägen den Alltag vieler junger Menschen. Wichtige Unterstützungsangebote geraten unter Druck. Für die betroffenen jungen Menschen verstärkt das Unsicherheit und Zukunftsangst.
Die BAG EJSA sagt Danke!
Die Sommerreise 2026 hat einmal mehr gezeigt, wie bunt und vielfältig die Angebote der Jugendsozialarbeit sind. Beeindruckende Geschichten junger Menschen, die in einer persönlichen Krise Beratung und Unterstützung erhalten und neue Perspektiven gefunden haben, haben die Projektberichte illustriert. Sie machen deutlich, wie wichtig verlässliche Unterstützungsangebote der Jugendsozialarbeit für gelingende Übergänge sind.
Dank an all die engagierten Kolleg*innen, die unter schwierigen Bedingungen diese wichtige Arbeit tun! Denn eins eint alle Projekte auch dieser Reise: Angebote der Jugendsozialarbeit sind Projekte, kein selbstverständliches Regelangebot. Sie werden erstritten und verhandelt von Trägern und Sozialarbeitenden, die sich stark machen für die jungen Menschen, die Unterstützung benötigen.
Die BAG EJSA setzt sich dafür ein, dass der Anspruch dieser jungen Menschen auf bedarfsgerechte Angebote vor Ort endlich verpflichtend umgesetzt wird - überall in Deutschland. Dazu bedarf es der verpflichtenden Beteiligung aller föderalen Ebenen an den entstehenden Kosten. Denn Investitionen in junge Menschen sind Investitionen in die Zukunft. Das rechnet sich!
Schule ohne Respekt Coaches?
Lasst uns reden, Kolleg*innen!
Mit der Entscheidung des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), das Programm Respekt Coaches zum 31. Dezember 2026 zu beenden, besucht die BAG EJSA im Rahmen einer Abschiedsreise verschiedene Programmstandorte in ganz Deutschland.
Die Reise macht sichtbar, welche Bedeutung die Arbeit der Respekt Coaches für Schulen und junge Menschen hat. Im Austausch mit Fachkräften, Schulen, Trägern und Schüler*innen wird deutlich, welchen Beitrag das Programm zur Demokratieförderung, Extremismusprävention und zum sozialen Zusammenhalt im Schulalltag leistet.
Gleichzeitig richtet die Abschiedsreise den Blick auf die Folgen des Programmendes – insbesondere auf den Wegfall von geschützten Räumen, verlässlichen Ansprechpersonen und präventiven Angeboten für junge Menschen.
Lass uns reden, Frankfurt!
Mit dem Besuch in Frankfurt/Main begann am 5. Mai 2026 offiziell die Abschiedsreise der BAG EJSA durch die Programmstandorte. Hintergrund ist die Entscheidung des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), das Programm zum 31. Dezember 2026 einzustellen.
An den Beruflichen Schulen Berta Jourdan wurde in einem intensiven Austausch mit Schulleiterin Inge Meichsner sowie Vertreter*innen des Trägers eindrücklich deutlich, wie unverzichtbar die Arbeit der Respekt Coaches für den Schulalltag ist. Demokratieförderung und Extremismusprävention sind hier keine abstrakten Begriffe, sondern gelebte Praxis – Tag für Tag.
Konflikte und Spannungen nehmen spürbar zu – nicht zuletzt befeuert durch soziale Medien. Viele junge Menschen informieren sich einseitig, können die Qualität der Inhalte schwer bewerten und verlassen ihre digitalen „Bubbles“ nur selten. In der Schule jedoch treffen sie auf Vielfalt: auf Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten, Meinungen und Hintergründen. Gerade in einer großen Gemeinschaft wie einer Schule mit rund 1.700 Schüler*innen und 140 Lehrkräften ist ein respektvoller Umgang miteinander unverzichtbar. Demokratische Werte werden hautnah erlebbar.
Hier setzen die Respekt Coaches an. Mit ihren Gruppenangeboten stärken sie den Zusammenhalt, greifen aktuelle Themen auf und schaffen Räume für Austausch und Reflexion. Globale Krisen und gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich längst im Klassenzimmer – die Coaches helfen dabei, diese einzuordnen und konstruktiv zu verarbeiten. Gleichzeitig vermitteln sie wichtige Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien, sensibilisieren für Fake News und stärken das Bewusstsein für Diskriminierung. So gewinnen junge Menschen nicht nur Wissen, sondern auch Handlungssicherheit und Selbstvertrauen im Miteinander. Der Zusammenhalt in der Klasse und in der Schule wird wirksam gestärkt.
Der Wegfall des Programms wird hier gravierende Folgen haben: Es gehenfür die Schüler*innen nicht nur die bewährten Gruppenangebote verloren, sondern auch hochqualifizierte Fachkräfte, die Lehrkräfte entlasten, beraten und flexibel auf aktuelle Bedarfe reagieren. Vor allem aber wird ein geschützter Raum verschwinden – ein Raum, in dem junge Menschen sich offen äußern können, ohne Leistungsdruck, und in dem sie auf verlässliche Bezugspersonen treffen, die ihnen mit Respekt und Akzeptanz begegnen.
Die BAG EJSA macht mit ihrer Abschiedsreise einmal mehr sichtbar, welche Bedeutung die Respekt Coaches für Schulen und junge Menschen haben – und was ohne sie nicht mehr stattfinden kann.
Lass uns reden, Pirna!
Ein persönlicher Blick nach Pirna
Der Besuch in Pirna hat uns bewegt. Schon nach wenigen Minuten im Gespräch mit der ehemaligen Respekt‑Coachin wurde spürbar, wie viel diese Arbeit an einer Schule verändern kann – und wie tief die Lücke ist, die bleibt, wenn eine solche Fachkraft plötzlich fehlt.
Es war nicht nur ein Austausch. Es war ein Blick hinter die Kulissen eines Schulalltags, der ohne Unterstützung kaum zu stemmen ist.
Was Respekt Coaches vor Ort bewirken – ganz konkret
Die Coachin erzählte, wie an der Schule eine engmaschige, vertrauensvolle Zusammenarbeit entstanden ist: Schulleitung, Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Teach First – alle an einem Tisch, alle mit einem Ziel.
Sie war mittendrin, nicht außen vor. Sie kannte jede Klasse, jede Dynamik, jede stille Sorge. In den Pausen kamen Jugendliche zu ihr, erzählten von Mobbing, Konflikten, Unsicherheiten. Sie hörte zu. Sie ordnete ein. Sie half.
Und sie griff Themen auf, die sonst oft liegen bleiben: gewaltfreie Kommunikation, Queerfeindlichkeit, Antisemitismusprävention – sensibel, professionell, mutig.
Besonders eindrücklich war ihr Satz:
„Für junge Menschen ist es entscheidend zu spüren: Ich bin da. Ich höre dir zu. Ich nehme dich ernst.“
Man spürte im Gespräch: Diese Arbeit hat Räume geöffnet, die es vorher nicht gab.
Warum Kontinuität so entscheidend ist
Die Coachin sagte einen Satz, der hängen blieb – und der alles auf den Punkt bringt:
„Präventionsarbeit funktioniert nur, wenn man bleibt.“
Beziehung braucht Zeit. Vertrauen entsteht nicht in einem Workshop. Präsenz ist kein Zusatz – sie ist die Grundlage.
Als ihre Stelle reduziert und später gestrichen wurde, passierte genau das, wovor sie gewarnt hatte:
- Präventionsangebote brachen weg
- Lehrkräfte standen mit großen Klassen und vielen Themen allein da
- Schulsozialarbeit konnte die Lücke nicht schließen
- Externe Angebote verpufften ohne feste Ansprechperson
Die Schule beschrieb die Situation als überfordernd, traurig, besorgniserregend. Ein zentraler Baustein war weg – und nichts rückte nach.
Warum diese Arbeit unverzichtbar ist
Respekt Coaches schaffen etwas, das im Schulalltag selten ist: geschützte Räume ohne Leistungsdruck.
Sie stärken:
- Medienkompetenz
- demokratische Werte
- soziale Fähigkeiten
- Konfliktfähigkeit
- Selbstvertrauen
Sie helfen jungen Menschen, sich in einer Welt zurechtzufinden, die laut, komplex und oft widersprüchlich ist.
Gerade jetzt – in Zeiten von Polarisierung, Desinformation und wachsender Unsicherheit – ist diese Arbeit wichtiger denn je.
Was ohne Respekt Coaches verloren geht
- Verlässliche Ansprechpersonen
- Kontinuierliche Präventionsangebote
- Entlastung für Lehrkräfte
- Professionelle Konfliktbegleitung
- Räume für Austausch und demokratisches Lernen
Der Besuch in Pirna hat uns gezeigt: Respekt Coaches verändern Schulen – und ihr Wegfall trifft junge Menschen am stärksten.
Lass uns reden, Meißen!
Was passiert, wenn Respekt an einer Schule Einzug hält?
Wir haben unsere Respekt Coaches in Meißen‑Großenhain besucht, um festzuhalten, was ihre Arbeit an diesem Standort bewirkt hat – und was nun fehlt, da das Programm dort zum Ende des Schuljahres 2025/2026 ausläuft. Die Gespräche zeigen eindrucksvoll, wie sehr sich eine Schule verändern kann, wenn Respekt, Haltung und Beziehungsarbeit dauerhaft präsent sind.
Als die Respekt Coaches ihre Arbeit an der Kooperationsschule aufnahmen, war die Situation herausfordernd: Schüler*innen schrien sich an, gingen aufeinander los, Tische und Stühle flogen durch das Klassenzimmer. Konflikte eskalierten schnell, Mobbing war ein großes Thema, und viele Jugendliche fühlten sich abgewertet – in der Schule wie auch in der Gesellschaft. Viele Lehrkräfte mieden sensible Themen wie Diskriminierung, Rassismus oder Antisemitismus, aus Sorge vor Konflikten oder aus der Annahme, die Jugendlichen seien „zu jung“. Doch die Jugendlichen wollten reden. Sie wollten verstanden werden. Sie wollten gesehen werden.
Mit der Zeit veränderte sich das Miteinander spürbar. Aus einzelnen Jugendlichen wurde eine Gemeinschaft. Einige sagten: „Ey, früher hätten wir uns direkt angeschrien. Jetzt reden wir normaler miteinander.“ oder „Wir hören uns wenigstens zu.“ Auch Lehrkräfte und Schulleitung bemerkten den Wandel: „Die Stimmung ist komplett anders. Die gehen viel respektvoller miteinander um.“
Ein Moment blieb besonders in Erinnerung: Als eine Lehrerin auf dem Pausenhof von zwei streitenden Schüler*innen bedroht wurde, stellten sich andere Jugendliche schützend vor sie und sagten: „Ey, so redest du nicht mit unserer Lehrerin.“ Das ist Zivilcourage. Das ist Zusammenhalt. Das ist gelebte Wirkung.
Mit wachsendem Vertrauen kamen die Jugendlichen von selbst auf die Respekt Coaches zu. Sie sprachen über Probleme in der Schule, über Mobbing, über Abwertungserfahrungen und darüber, dass sie sich in der Gesellschaft oft nicht wahrgenommen fühlen. „Keiner hört uns wirklich zu.“, sagten sie. „Mit euch kann man reden – ihr nehmt uns ernst.“ So entstanden Projekte zu Respekt, Diskriminierung, Demokratiebildung und gesellschaftlicher Teilhabe.
Ein besonderes Gruppenangebot entstand in Zusammenarbeit mit dem Bildungsträger Arbeit und Leben. Anlass war die bevorstehenden Bundestagswahlen. Schon in den ersten Minuten wurde klar, wie groß die Unsicherheit war: Viele Jugendliche standen kurz vor ihrer ersten Wahl – und wussten kaum, wie Demokratie eigentlich funktioniert. Was Parteien wollen. Wofür sie stehen. Wie man Entscheidungen trifft, die wirklich zu einem passen.
Die Coaches erzählen, dass manche Jugendlichen sagten: „Keine Ahnung, wie das läuft. Wir wählen halt irgendwas.“ Also wurden Parteiprogramme vorgestellt – ohne Logos, ohne Farben, ohne Namen. Nur Inhalte. Nur das, was wirklich zählt.
Und dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte: Die Partei, die in der Juniorwahl zuvor „gewonnen“ hatte, bekam plötzlich die meiste Ablehnung. Die Jugendlichen reagierten überrascht, fast erschrocken: „Krass, hätten wir nie gedacht.“ „Warum feiern meine Eltern die Partei so? Die haben das Programm safe nicht gelesen.“
In diesem Moment wurde etwas spürbar, was man nicht unterrichten kann: Selbstwirksamkeit. Bedeutung. Demokratie als Gefühl.
Zum ersten mal sagten Jugendliche Sätze wie: „Meine Stimme zählt wirklich.“ „Ich kann was verändern.“
Es war nicht nur ein Projekt. Es war ein Augenöffner. Ein Moment, in dem Jugendliche verstanden, dass Teilhabe nicht abstrakt ist – sondern ihr Leben betrifft. Dass Respekt auch bedeutet, sich selbst ernst zu nehmen. Und dass Demokratie dort beginnt, wo junge Menschen merken, dass sie wichtig sind.
Was in Meißen entstanden ist
Durch die kontinuierliche Arbeit der Respekt Coaches entstanden ein spürbarer Zusammenhalt, ein respektvollerer Umgang und deutlich weniger Konflikte zwischen Schüler*innen und Lehrkräften. Jugendliche entwickelten Mut, sich gegen Diskriminierung zu stellen, und zeigten Zivilcourage, die zuvor undenkbar war. Mobbing wurde offen angesprochen und nicht mehr ignoriert. Lehrkräfte und Schulleitung berichten übereinstimmend, dass sich das Klima in den Klassen nachhaltig verbessert hat – und dass viele Jugendliche gelernt haben, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Mit dem Wegfall des Programms verlieren die Jugendlichen verlässliche Ansprechpersonen, die Zeit haben zuzuhören, Konflikte aufzufangen und schwierige Themen anzusprechen. Lehrkräfte und Schulleitung sagen offen: „Wir haben gesehen, wie viel sich verändert hat.“ Doch nun stellt sich die Frage, wer den Zusammenhalt hält, der so mühsam gewachsen ist – und wer eingreift, bevor Konflikte und Mobbing wieder eskalieren. Denn eines ist klar: Zusammenhalt entsteht nicht in zwei Unterrichtsstunden. Und punktuelle Projekte ersetzen keine Beziehungsarbeit.
Was bleibt
Es bleibt die Erfahrung, dass Respekt Räume öffnet, in denen junge Menschen sich sicher fühlen. Es bleibt die Erkenntnis, dass Mobbing weniger wird, wenn jemand hinschaut und dranbleibt. Es bleibt sichtbar, wie Demokratie entsteht, wenn Jugendliche merken, dass ihre Stimme zählt.
Und es bleibt die Gewissheit, dass Schulen Orte sein können, an denen junge Menschen füreinander einstehen – wenn ihnen Menschen begegnen, die ihnen zutrauen, genau das zu lernen und zu leben.
Lass uns reden, Ratzeburg!
Am 27. Mai 2026 waren wir zu Besuch beim Diakonischen Werk Herzogtum Lauenburg in Ratzeburg. Gemeinsam mit den Respekt Coaches und Vertreter*innen des Jugendmigrationsdienstes sprachen wir darüber, was das Programm vor Ort bewirkt – und welche Folgen sein Wegfall hätte.
Schon zu Beginn des Gesprächs wurde deutlich: In Ratzeburg sind die Respekt Coaches längst mehr als ein zusätzliches Projekt. Sie sind ein fester Bestandteil der schulischen Präventionsarbeit geworden.
Seit dem Start des Programms wurden an den Schulen zahlreiche Angebote entwickelt – von Workshops zu Demokratie, Vielfalt und Antirassismus über Graffiti-Projekte und Songwriting-Workshops bis hin zu interkulturellen Lernformaten, Demokratiefesten und öffentlichen Aktionen gegen Rassismus. Immer wieder geht es darum, Begegnungen zu schaffen, Perspektiven zu erweitern und jungen Menschen Räume für Austausch und Beteiligung zu eröffnen.
Besonders eindrücklich war die Beschreibung dessen, was diese Arbeit im Kern ausmacht: Demokratiebildung nicht als Unterrichtsthema, sondern als Erfahrung. Im Gespräch wurde davon berichtet, wie Jugendliche lernen, ihre eigene Stimme zu finden, Vorurteile abzubauen und sich mit unterschiedlichen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen. Es geht darum, junge Menschen darin zu stärken, Verantwortung zu übernehmen und sich als Teil einer demokratischen Gesellschaft zu verstehen.
Dabei wurde auch deutlich, warum die Arbeit der Respekt Coaches nicht einfach durch andere Angebote ersetzt werden kann. Mehrfach fiel die Unterscheidung zwischen Schulsozialarbeit und Respekt Coaches: Während Schulsozialarbeit häufig dann gefragt ist, wenn konkrete Probleme oder Konflikte auftreten, setzen Respekt Coaches früher an. Sie arbeiten primärpräventiv, begleiten Gruppenprozesse, schaffen Bildungsangebote und eröffnen Räume für Themen, die im Schulalltag oft zu kurz kommen.
Eine Schulsozialarbeiterin beschrieb die Zusammenarbeit so: „Die Arbeit mit unserer Respekt Coachin Nina Hehn ist großartig. Nina ergänzt unsere Arbeit perfekt und es ist deutlich zu spüren, wie sich das Schulklima durch ihre abwechslungsreichen Projekte verbessert hat.“
Besonders bewegend waren die Stimmen der Jugendlichen selbst. Eine Schülerin erklärte: „In dieser heutigen Zeit mit viel Social Media ist es wichtig, einen Respekt Coach zu haben, der uns Kinder und Jugendliche wieder daran erinnert, respektvoll miteinander umzugehen. Denn Respekt muss ein Bestandteil unserer Generation bleiben.“
Auch andere Jugendliche berichteten davon, wie die Respekt Coaches ihr Selbstvertrauen gestärkt, neue Perspektiven eröffnet und den Zusammenhalt in ihren Klassen verbessert haben. Für viele sind die Respekt Coaches feste Ansprechpersonen geworden – unabhängig von Noten, Leistungsdruck oder konkreten Konflikten. Deshalb wurde im Gespräch immer wieder die Frage gestellt, welche Lücke entstehen würde, wenn diese Arbeit wegfällt. Verloren gingen nicht nur Projekte und Angebote. Verloren gingen Beziehungen, Netzwerke, fachliche Expertise und kontinuierliche Präventionsarbeit – also genau jene Strukturen, die über Jahre gewachsen sind und die Schulen dabei unterstützen, Demokratiebildung im Alltag zu verankern.
Unser Besuch in Ratzeburg hat gezeigt, wie viel Engagement, Fachwissen und Ausdauer hinter der Arbeit der Respekt Coaches stehen. Vor allem aber hat er gezeigt, dass Demokratiebildung Zeit braucht, verlässliche Beziehungen und Menschen, die bleiben.
Lass uns reden, Eutin!
Am 28.5.2026 waren wir zu Besuch an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin. Gemeinsam mit der Schulleitung, dem CJD und den Respekt Coaches sprachen wir darüber, wie Präventionsarbeit im Schulalltag gelingt – und warum sie heute wichtiger ist denn je.
Schon beim Blick auf die Unterstützungsstrukturen der Schule wurde deutlich: Hier arbeiten viele Professionen Hand in Hand. Schulsozialarbeit, Bildungsbegleitung, Schulpsychologie, Anti-Mobbing-Beratung, Schulseelsorge und Respekt Coaches bilden gemeinsam ein Netzwerk, das Schülerinnen und Schüler in ganz unterschiedlichen Lebenslagen begleitet.
Doch im Gespräch wurde auch klar: Die Respekt Coaches haben innerhalb dieses Netzwerks eine ganz eigene Rolle. Eine Aussage fiel dabei mehrfach und brachte den Unterschied auf den Punkt: „Schulsozialarbeit und Respekt Coaches arbeiten eng zusammen mit jeweils klar definierten Aufgabenbereichen: Die Schulsozialarbeit hat ihren Schwerpunkt auf Einzelberatung, Intervention und Prävention u. a. in den Bereichen Sucht und soziale Kompetenzen. Der Fokus der Respekt Coaches liegt klar auf Demokratiebildung, Antidiskriminierungsarbeit und der Primärprävention von Extremismus.“
Gerade an einer großen beruflichen Schule wie in Eutin wird diese Arbeit besonders wichtig. Hier treffen junge Menschen aus unterschiedlichen Bildungsgängen, Lebenswelten und Herkunftsgeschichten aufeinander. Die Schule versteht die Respekt Coaches deshalb als eine „wichtige Säule im Präventionsangebot“ und hat ihre Arbeit fest in schulische Abläufe integriert.
Beeindruckend war die Vielfalt der Aufgaben, die dabei sichtbar wurde. Die Respekt Coaches reagieren auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen, bieten kurzfristig Gesprächsformate zu Themen an, die Jugendliche beschäftigen, und entwickeln aufeinander aufbauende Module für den Unterricht. Ob internationale Krisen, gesellschaftliche Polarisierung oder Fragen des respektvollen Zusammenlebens – die Themen orientieren sich an der Lebenswelt der jungen Menschen.
Im Gespräch wurde deutlich, dass diese Form der Präventionsarbeit nicht nebenbei entsteht. Sie lebt von Beziehungen, von Präsenz und von der engen Zusammenarbeit mit allen Akteur*innen der Schule. Gerade deshalb wurde mehrfach betont, wie wichtig die enge Kooperation zwischen Schule und Träger ist. Die Respekt Coaches sind sichtbar Teil der Schulgemeinschaft geworden und werden als verlässliche Ansprechpartner*innen wahrgenommen. Welche Lücke der Wegfall des Programms bedeutet: Themen wie Radikalisierungsprävention, Anti-Mobbing-Arbeit oder die Begleitung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen würden dann auf andere Bereiche zurückfallen, die bereits heute stark ausgelastet sind.
Unser Besuch in Eutin hat gezeigt, dass erfolgreiche Präventionsarbeit dort entsteht, wo unterschiedliche Professionen gemeinsam arbeiten. Die Respekt Coaches bringen eine Perspektive ein, die im Schulalltag oft fehlt: Zeit für Gespräche, Raum für gesellschaftliche Themen und die Möglichkeit, junge Menschen frühzeitig zu stärken.
Gerade in einer Zeit, in der Schulen immer häufiger mit gesellschaftlichen Spannungen, Desinformation und Polarisierung konfrontiert sind, wird deutlich, wie wichtig solche Strukturen geworden sind. Eutin zeigt eindrucksvoll, wie Prävention gelingen kann – wenn sie als gemeinsame Aufgabe verstanden wird.
Lass uns reden, Preetz!
Am 28.5.2026 waren wir zu Gast an der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Preetz. Gemeinsam mit Vertreter*innen des CJD, den Respekt Coaches und der Schulleitung sprachen wir darüber, wie Präventionsarbeit an Schule gelingen kann – und welche Strukturen dafür notwendig sind.
Auch hier in Preetz sind die Respekt Coaches weit mehr sind als ein zusätzliches Projektangebot. Über Jahre hinweg ist gemeinsam mit der Schule ein Präventionskonzept entstanden, das heute fest im Schulalltag verankert ist. Viele Angebote und Handlungsfelder greifen ineinander und ergänzen sich. Die Respekt Coaches sind dabei zu einer wichtigen Säule der schulischen Präventionsarbeit geworden.
Besonders eindrücklich war die Beschreibung dessen, was die Arbeit der Respekt Coaches von anderen Unterstützungsangeboten unterscheidet. Im Gespräch wurde deutlich, dass sie häufig Zugänge zu Schülerinnen und Schülern schaffen, die Lehrkräfte allein nicht erreichen können. Sie bieten Räume für Gespräche, begleiten Gruppenprozesse und greifen Themen auf, die Jugendliche beschäftigen – von Fragen des Zusammenlebens bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.
Dabei wurde auch über die Entwicklung des Programms gesprochen. Anfangs sei vielen nicht klar gewesen, worin genau die Besonderheit der Respekt Coaches liege. Heute werde deutlich, dass sich ein eigenständiges Profil sozialer Arbeit an Schule herausgebildet habe: primärpräventiv, beziehungsorientiert und langfristig angelegt. Respekt Coaches schaffen Räume für Demokratiebildung und gesellschaftlichen Dialog, bevor Konflikte entstehen oder sich verhärten.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die Frage, wie erfolgreiche Präventionsarbeit dauerhaft gesichert werden kann. Mehrfach wurde betont, dass Veränderungen nicht von einzelnen Personen abhängen dürfen, sondern tragfähige Strukturen brauchen. Genau darin liege eine besondere Stärke des Programms: Es bringe nicht nur engagierte Fachkräfte mit, sondern auch Konzepte, Netzwerke, fachliche Expertise und Ressourcen. Über die Jahre sei daraus ein belastbares System entstanden, das von vielen Beteiligten gemeinsam getragen werde.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie fragil solche Entwicklungen sein können. Wenn Programme wegfallen, verschwinden nicht nur einzelne Angebote. Es gehen Beziehungen, Erfahrungen und gewachsene Strukturen verloren, die über viele Jahre aufgebaut wurden.
Unser Besuch in Preetz hat gezeigt, wie wichtig langfristige Präventionsarbeit für Schulen ist. Demokratiebildung, Konfliktfähigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen nicht durch einzelne Projekttage. Sie wachsen dort, wo Menschen über Jahre gemeinsam Verantwortung übernehmen, Vertrauen aufbauen und verlässliche Strukturen schaffen.
Lass uns reden, Waren!
Am 29.5.2026 waren wir zu Besuch beim CJD Nord in Waren und sprachen mit den Verantwortlichen des Respekt-Coaches-Standorts über ihre Arbeit in der Mecklenburgischen Seenplatte. Schnell wurde deutlich: Die Bedingungen, unter denen Respekt Coaches hier arbeiten, unterscheiden sich deutlich von vielen anderen Regionen.
Die Schulen in Röbel, Malchin und Umgebung liegen in einem ländlich geprägten Raum. Viele Schülerinnen und Schüler kommen täglich mit dem Schulbus aus umliegenden Dörfern zur Schule, Bildungsangebote sind oft mit langen Fahrzeiten verbunden und externe Träger nicht immer direkt vor Ort verfügbar. Genau hier setzt die Arbeit der Respekt Coaches an: Sie schaffen Zugänge zu Angeboten, Begegnungen und Erfahrungen, die für viele junge Menschen sonst nur schwer erreichbar wären.
Im Gespräch wurde deutlich, dass das Programm weit mehr ist als die Finanzierung einzelner Projekte. Über die Jahre sind tragfähige Netzwerke entstanden – zwischen Schulen, Bildungsträgern, Kommunen und außerschulischen Partnern. Workshops, Projekttage, Exkursionen und Gruppenangebote werden gemeinsam geplant und umgesetzt. Demokratiebildung wird dadurch nicht zu einem einmaligen Ereignis, sondern zu einem festen Bestandteil des Schulalltags.
Besonders beeindruckend war die Vielfalt der Themen, die an den Schulen bearbeitet werden. Das Spektrum reicht von Antirassismus- und Demokratieworkshops über Begegnungsformate wie „Meet a Jew“, Medien- und Theaterprojekte bis hin zu Rap-, Graffiti- und Europa-Angeboten. Allein die Übersicht der Angebote für das Jahr 2025 zeigt, wie breit die Arbeit aufgestellt ist und wie viele junge Menschen dadurch erreicht werden.
Dabei wurde immer wieder ein Gedanke hervorgehoben: Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen. Die Arbeit der Respekt Coaches lebt davon, dass Beziehungen wachsen können – zu Schülerinnen und Schülern, zu Lehrkräften, zu Schulsozialarbeit und zu den zahlreichen Kooperationspartnern. Im Gespräch wurde beschrieben, wie über Jahre hinweg Vertrauen aufgebaut wurde und wie daraus verlässliche Strukturen entstanden sind.
Genau deshalb wurde auch die Frage diskutiert, was verloren gehen würde, wenn diese Arbeit wegfällt. Die Antworten waren bemerkenswert konkret. Es gehe nicht nur um einzelne Veranstaltungen oder Projekte. Verloren gingen Kontinuität, Netzwerke, Kooperationen und die Möglichkeit, langfristige Bildungsprozesse zu gestalten. Auch Themen wie Europa, kulturelle Vielfalt, Identität und demokratische Teilhabe würden deutlich weniger Raum erhalten.
Ein Satz aus dem Gespräch blieb dabei besonders hängen: Das Programm habe „Konzept, Budget, Fachkraft und Infrastruktur“ mitgebracht. Heute seien die Strukturen aufgebaut, die Kontakte geknüpft und das Vertrauen gewachsen – und genau soll alles zu Ende gehen.
Unser Besuch in Waren hat gezeigt, welche Bedeutung die Respekt Coaches gerade im ländlichen Raum haben. Sie bringen Menschen zusammen, schaffen Bildungsangebote und ermöglichen Erfahrungen, die weit über den Klassenraum hinausreichen. Vor allem aber zeigen sie, dass Demokratiebildung dort besonders wichtig ist, wo Entfernungen groß sind, Begegnungen nicht selbstverständlich stattfinden und junge Menschen verlässliche Räume für Austausch und Beteiligung brauchen.
Lasst uns reden, Dessau und Halle/Saale!
Am Internationalen Tag des Kindes ging die Reise weiter, dieses Mal war das Ziel Dessau. Die Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis in Bernburg hat in ihrem JMD-Team je einen Respekt Coach in Halle/Saale und in Dessau. Am Austausch nahmen außerdem der Vorstandvorsitzende der Stiftung, die Bereichsleitung, JMD-Fachkräfte und die Landeskoordinatorin JMD der Diakonie Mitteldeutschland teil.
Die Respekt Coches sind an je zwei Schulen tätig, von ihren Angeboten profitieren drei Sekundarschulen und eine Berufsschule. Die an den Schulen bearbeitete Themenvielfalt ist groß: Gewaltprävention, Demokratieförderung, Antisemitismus, Medienkompetenz, Vielfalt und Toleranz, Soziale und Interkulturelle Kompetenzen, Teambildung, Extremismusprävention, Antimobbing in Dessau und Partizipation, soziales Lernen und ein breites Spektrum politischer Bildung einschließlich Antisemitismusprävention in Halle/Saale.
Die Vielfalt der Angebote an allen Standorten ist überwältigend, zwesollen hier vorgestellt werden:
In Dessau gestaltet die Respekt Coach jährlich für die 9. Klassen eine Projektwoche “Religionen”. Die jungen Menschen erleben Austausch über Religionen, Glauben und Zusammenleben. Dadurch wird Verständnis und Toleranz gefördert. Ob das Angebot durch andere Akteure fortgeführt wird, ist unklar.
In der Schule Am Fliederweg in Halle haben Schüler*innen in Projekten mit ihrem Respekt Coach nicht nur ein Logo für ihre Schule erstellt, sondern in einem groß angelegten Projekt auch die Fassadengestaltung ihrer Schule übernommen. Damit hatten sie nicht nur unvergessliche gemeinsame Erlebnisse beim Tun, sondern auch ganz konkretes Erleben von Selbstwirksamkeit über die Grenzen ihrer Klassenräume hinaus.
Zwei Respekt Coaches, vier Schulen, ein breites Themen- und Methodenspektrum, unterschiedliche Schwerpunkte - aber ein Ziel: Respektvoller Umgang miteinander im gemeinsamen Stärken der demokratischen Mitte. Und eine deutliche Botschaft an die Bundesregierung: Was hier weggespart wird, fehlt dauerhaft. Denn weder Land noch Kommune können übernehmen. Junge Menschen verlieren wichtige Vertrauenspersonen, Schulen müssen auf Unterstützung verzichten, Räume für Austausch, Prävention und Demokratiebildung fallen weg.
Und auch hier der Appell an den Bund: Bitte langfristig denken! Soziale Arbeit wirkt und leistet wertvolle präventive Arbeit, die mit relativ geringen Ressourcen langfristig den Sozialstaat entlasten kann. Aber dafür braucht es Beständigkeit, keine permanente Abfolge unterschiedlicher Projekte. In Sachsen-Anhalt, einem der Bundesländer, in dem die Demokratie aktuell besonders fragil erscheint. Hier brechen seit vielen Jahren präventive Angebote der sozialen Infrastruktur aus Kostengründen weg. Die sichtbare Wirkung der Respekt Coaches basiert auf inzwischen insgesamt acht Jahren Laufzeit - Zeit, in der gemeinsam mit den Schulen wirksame Konzepte entwickelt und tragfähige Beziehungen aufgebaut werden konnten. Sie haben mit Expertise, Personalressource und Gruppenangeboten eine Lücke gefüllt, die besonders in den strukturschwachen Regionen im Osten der Republik ab 2027 wieder weit offen sein wird.
Lass uns reden, Sulzbach-Rosenberg!
„Geht gar nicht.“ – kaum ein Satz beschreibt die Stimmung an der Luitpold-Mittelschule Amberg so treffend wie die spontane Reaktion einer Lehrkraft auf das angekündigte Ende des Bundesprogramms „Respekt Coaches“. Bei unserem Besuch am 11. Juni 2026 wird sofort spürbar, wie tief die Fassungslosigkeit sitzt – und wie sehr das Programm seit 2018 zu einer festen Stütze im Schulalltag geworden ist.
Die Schule steht vor großen Herausforderungen. Sie trägt Verantwortung für eine Schülerschaft, die so vielfältig ist wie das Leben selbst. Bevor an regulären Unterricht zu denken ist, müssen Spannungen gelöst und Vertrauen geschaffen werden. Genau hier setzt die Respekt Coachin an: verlässlich, kompetent und mit einem offenen Blick für die Bedürfnisse der Schüler*innen.
Wenn sie den Raum betritt, verändert sich die Atmosphäre. Eine Schülerin sagt zu uns: „Wenn Frau Mönch kommt, wissen wir gleich: Es gibt keinen Unterricht.“ Gemeint ist kein Unterrichtsausfall, sondern ein Moment, in dem Druck abfällt. Ein Raum entsteht, in dem Schüler*innen nicht funktionieren müssen, sondern einfach sie selbst sein dürfen. Sie sprechen über Streit, Belastungen, Sorgen und Ungerechtigkeit. Die Respekt Coachin hilft ihnen, Worte zu finden, Grenzen zu setzen und Konflikte zu klären, bevor sie größer werden. Weil keine Noten vergeben und keine Sanktionen drohen, begegnen die Schüler*innen ihr ohne Angst vor Bewertung.
Hier lernen die Schüler*innen zuzuhören, eine eigene Meinung zu äußern und Konflikte friedlich zu lösen. In diesen Momenten wird Demokratie nicht erklärt, sondern erlebt. Sie spüren, dass ihre Stimme zählt und dass Beteiligung etwas verändert. Das prägt das Schulklima: weniger Spannungen, mehr gegenseitiger Respekt – und es nimmt Druck aus dem Schulalltag, wovon auch Unterricht und Bildungsauftrag profitieren.
Der Erfolg zeigt sich im Zusammenspiel aller Beteiligten: Schulleitung, Lehrkräfte, Jugendsozialarbeit und Respekt Coach arbeiten eng abgestimmt zusammen. Das Programm fängt Klassen frühzeitig auf, bevor Konflikte eskalieren. Lehrkräfte können sich auf den Unterricht konzentrieren, die Jugendsozialarbeit auf Einzelfallarbeit – ein Gewinn und eine spürbare Entlastung für die gesamte Schule.
Mit dem Ende des Programms Respekt Coaches fällt diese präventive Säule weg. In der Folge steigt die Arbeitsbelastung für alle deutlich – denn das Programm läuft ohne Ersatz, ohne Übergang und ohne Kompensation aus.
Und das, obwohl sich alle Beteiligten einig sind: Der Ansatz, an der Schule präsent zu sein, ohne Teil des Lehrpersonals zu sein, ist ein Erfolgsmodell – wirksam, nah an den Bedürfnissen und stabilisierend für das gesamte System. Er erreicht genau die, die Unterstützung am dringendsten brauchen: Schüler*innen, die Orientierung suchen und Schulen, die täglich viel auffangen müssen.
Lass uns reden, Südliche Weinstraße!
Am 12. Juni 2026 besuchten wir die Realschule plus in Annweiler. Gemeinsam mit Sabine Böhm-Travnicek, Respekt Coachin vom Jugendmigrationsdienst Südliche Weinstraße, kamen wir mit der Schulleitung, der Schüler*innenvertretung, einer Lehrkraft und einem Freiwilligen im Sozialen Jahr ins Gespräch. Dabei wurde deutlich: Das JMD-Programm Respekt Coaches hat etwas geschaffen, das im Schulalltag unverzichtbar geworden ist.
In den Gruppenangeboten entstehen Gelegenheiten, in denen Jugendliche nicht nur über Demokratie sprechen, sondern sie erleben – durch respektvollen Austausch, das Entdecken neuer Sichtweisen und die Erfahrung, dass ihre Stimme Gewicht hat. „Hier können wir offen über das reden, was uns wirklich bewegt“, erklärte ein Schülervertreter. „Man versteht plötzlich andere Standpunkte und merkt: Ich kann etwas verändern.“
Für Lehrkräfte ist das Programm eine wichtige Stütze. Es erreicht alle Schüler*innen und stärkt besonders diejenigen, die sich im Unterricht sonst eher zurückhalten. Die Kombination aus kontinuierlicher Begleitung durch die Respekt Coachin und den Impulsen externer Bildungsträger schafft nachhaltige Strukturen – jenseits von Lehrplänen und Leistungsdruck.
Besonders deutlich wurde die Relevanz im Gespräch über die digitale Lebenswelt der Schüler*innen. „Wenn die Welt vor allem durch kurze Videos wahrgenommen wird, braucht es Gegenpole“, sagte eine Lehrkraft. „Orte, an denen echte Begegnungen stattfinden und Vielfalt nicht nur Thema, sondern gelebte Realität ist.“
Die Respekt Coachin beschrieb den Kern ihrer Arbeit: „Demokratiebildung ist kein abgeschlossenes Modellprojekt. Respekt, Toleranz und Mitbestimmung müssen immer wieder neu verhandelt werden – besonders in einer Zeit, in der sich die Lebenswelten junger Menschen rasant verändern.“
Doch während der Bedarf wächst, endet das Programm. Viele Fragen bleiben offen: Was bleibt, wenn solche schützenden Strukturen wegfallen? Was geschieht, wenn Schulen zwar den Auftrag haben, demokratische Werte zu vermitteln, aber keine Unterstützung mehr erhalten, um sie erfahrbar zu machen? Und was bedeutet es für junge Menschen, wenn sie seltener die Erfahrung machen, dass ihre Meinung zählt?
Die Eindrücke aus Annweiler machen deutlich: Demokratie braucht Räume, in denen junge Menschen gehört werden, Verantwortung übernehmen und gemeinsam wachsen können. Die Frage ist nicht, ob wir uns solche Angebote leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, auf sie zu verzichten.
Lass uns reden, Bitterfeld!
Im Rahmen unserer Abschiedsreise waren wir beim Diakonieverein Bitterfeld-Wolfen e. V. zu Gast. Dort begleiteten uns zwei Respekt Coaches, die an zwei Schulen in der Region tätig sind und mit ihrer Arbeit junge Menschen in ihrer demokratischen Haltung stärken sowie präventive Bildungsangebote an den Schulalltag anknüpfen.
Respekt Coaches schaffen an Schulen wertvolle Lern- und Erfahrungsräume, in denen junge Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Vertrauen entwickeln und sich aktiv einbringen können. Es sind Räume, die den Zusammenhalt stärken, einen respektvollen Austausch fördern und Beteiligung ermöglichen – frei von Leistungsdruck oder Bewertung.
In Workshops, Projekten und Exkursionen setzen sich junge Menschen mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Rassismus, Antisemitismus oder anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander. Kreative, erlebnispädagogische und lebensweltorientierte Methoden eröffnen ihnen die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen, eigene Haltungen zu reflektieren und demokratische Werte praktisch zu erleben. Dabei erwerben sie wichtige Kompetenzen für ein respektvolles Miteinander, lernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und entwickeln Strategien für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten.
Gerade angesichts zunehmender demokratiefeindlicher und extremistischer Einstellungen kommt einer solchen präventiven Bildungsarbeit eine besondere Bedeutung zu. Sie stärkt junge Menschen in ihrer demokratischen Haltung und fördert gesellschaftliche Teilhabe.
Mit dem Auslaufen des Bundesprogramms Respekt Coaches gehen vielerorts bewährte Strukturen verloren. Schulen verlieren verlässliche Kooperationspartner und junge Menschen wichtige Lern- und Erfahrungsräume, in denen Demokratiebildung, Antidiskriminierungsarbeit und Extremismusprävention niedrigschwellig miteinander verbunden werden.
Die Erfahrungen aus den vergangenen Jahren zeigen: Präventionsarbeit braucht Kontinuität. Demokratiebildung darf nicht von befristeten Projektlaufzeiten abhängen, sondern muss langfristig und verlässlich in den Bildungsalltag integriert werden. Denn Demokratie muss gelernt, erlebt und mitgestaltet werden – dafür brauchen junge Menschen Zeit, Vertrauen und geeignete Räume.
Lass uns reden, Hamburg-Nord!
An der beruflichen Schulen Uferstraße in Hamburg treffen jeden Tag junge Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Meinungen und Lebenswegen aufeinander. Aus allen Teilen der Stadt kommen sie hier zusammen und begegnen Perspektiven, die oft weit über das eigene Umfeld hinausreichen. Was diese Vielfalt für den Schulalltag bedeutet und welche Rolle die Respekt Coaches dabei spielen, zeigte sich bei unserem Besuch am 22. Juni 2026 schnell.
Die Gespräche mit Respekt Coach Christian Göhring von EvaMigrA e.V., einer Schulsozialpädagogin und zwei Beratungslehrerinnen machten deutlich: Berufsschulen sind heute weit mehr als Orte der Ausbildung. Hier werden gesellschaftliche Entwicklungen und Konflikte unmittelbar sichtbar.
„Wir merken überall in den Regelstrukturen, dass der Rechtsdruck ankommt“, beschreibt Christian die aktuelle Situation. Gemeinsam mit den Schulen greift er Themen wie Demokratie, Antidiskriminierung und Medienkompetenz auf.
Respekt Coaches agieren an der Schnittstelle zwischen Schulalltag und Lebenswelt der Jugendlichen. Sie verbinden Jugendsozialarbeit mit politischer Bildung und greifen Themen auf, die junge Menschen beschäftigen. Anders als Lehrkräfte geben sie keine Noten. Dadurch entstehen Räume für offene, auch kontroverse Diskussionen, persönliche Erfahrungen und neue Blickwinkel.
Seine Aufgabe versteht Christian als Frühwarnsystem: „Ich würde uns als eine Art Seismograph verstehen.“ Respekt Coaches nehmen früh wahr, welche Fragen, Unsicherheiten und gesellschaftspolitischen Strömungen junge Menschen beschäftigen, lange bevor sie im Schulbetrieb offen zutage treten.
Wie wirksam das sein kann, zeigte ein Workshop zur Bundestagswahl. Die Schüler*innen setzten sich eigenständig mit allen Wahlprogrammen auseinander, diskutierten politische Positionen und hinterfragten eigene Ansichten. „Das war wirklich einer meiner Glücksmomente“, erinnert sich Christian. Für ihn zeigt sich darin, was Demokratiebildung bewirken kann: junge Menschen zu befähigen, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Auch aus Sicht der Schulsozialpädagogik ist das Programm ein wichtiger Baustein. Während die klassische Sozialarbeit vor allem Einzelfallhilfe leistet, bringen die Respekt Coaches Ressourcen und Fachwissen für präventive Gruppenarbeit mit. Bei Konflikten rund um gesellschaftliche Vielfalt entlasten sie als Teil des multiprofessionellen Teams spürbar.
Auch Schulleitung und Lehrkräfte sehen einen großen Mehrwert. Viele fühlen sich unsicher, wenn rechtsextreme Parolen fallen oder Verschwörungserzählungen geteilt werden. Die Respekt Coaches helfen dabei, problematische Aussagen einzuordnen, angemessen zu reagieren und schwierige Diskussionen im Unterricht zu begleiten.
Für Christian steht deshalb fest: „Ein Workshop allein macht es halt nicht.“ Demokratiebildung und Prävention brauchen Zeit, verlässliche Beziehungen und kontinuierliche Angebote.
Denn Berufsschulen bilden nicht nur Fachkräfte aus. Hier sitzen die Meister*innen, Ausbilder*innen und Arbeitgeber*innen von morgen. Wer heute lernt, Verantwortung zu übernehmen, Unterschiede als Stärke zu begreifen und diskriminierenden Haltungen entgegenzutreten, prägt morgen das Miteinander in Betrieben, Werkstätten und Unternehmen. Genau deshalb wirkt die Arbeit der Respekt Coaches weit über die Berufsschule hinaus.
Lass uns reden, Berlin!
Eine weitere Station unserer Abschiedsreise führte uns an die Paul-und-Charlotte-Kniese-Schule in Berlin-Lichtenberg. Gemeinsam mit der Respekt Coach, der Schulsozialarbeit und erstmals auch zwei Schülerinnen sprachen wir darüber, welche Rolle das Programm im Schulalltag spielt – und welche Folgen sein Auslaufen für die Schule haben wird.
Besonders deutlich wurde dabei das Zusammenspiel von Respekt Coach und Schulsozialarbeit. Beide Arbeitsbereiche verfolgen unterschiedliche Schwerpunkte und ergänzen sich gerade dadurch wirkungsvoll. Während die Schulsozialarbeit Kinder und Jugendliche vor allem in individuellen Krisen, Konflikten oder belastenden Lebenssituationen begleitet, setzen die Respekt Coaches mit präventiven Gruppenangeboten an. Workshops und Projekttage zu Demokratiebildung, Vielfalt, Antidiskriminierung, respektvollem Miteinander oder Partizipation schaffen Räume, in denen junge Menschen soziale und demokratische Kompetenzen entwickeln können.
An der Paul-und-Charlotte-Kniese-Schule zeigte sich zudem, wie wichtig die kontinuierliche Präsenz der Respekt Coach im Ganztag ist. Durch Angebote am Vor- und Nachmittag entstehen zusätzliche Begegnungs- und Beteiligungsräume sowie verlässliche Beziehungen zu den Schüler*innen. Gleichzeitig werden Lehrkräfte und Schulsozialarbeit entlastet, indem externe Bildungsangebote koordiniert und gesellschaftlich relevante Themen professionell in den Schulalltag eingebunden werden.
Im Austausch wurde deutlich, dass mit dem Ende des Programms weit mehr verloren geht als einzelne Workshops. Wegfallen werden langfristig aufgebaute Strukturen, verlässliche Ansprechpersonen und präventive Angebote, die das soziale Miteinander an der Schule stärken und Konflikten frühzeitig entgegenwirken. Die bestehenden Fachkräfte vor Ort werden diese Aufgaben angesichts ihrer bereits umfangreichen Arbeitsfelder nicht vollständig auffangen können.
Unser Besuch in Berlin-Lichtenberg hat erneut gezeigt: Prävention braucht Zeit, Kontinuität und verlässliche Beziehungen. Die Wirkung der Respekt Coaches entsteht nicht durch einzelne Projekte, sondern durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit Schulen, pädagogischen Fachkräften und jungen Menschen. Umso wichtiger ist es, erfolgreiche Präventionsangebote langfristig zu sichern, statt sie nach Jahren erfolgreicher Arbeit auslaufen zu lassen.
Lass uns reden, Ratingen!
Am 17. Juni 2026 sprachen wir mit Panagiota Balagka, Respekt Coachin in Ratingen, und Michaela Peter, Abteilungsleiterin Migration-Integration bei der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann, über Demokratiebildung an Schulen – eine Aufgabe, die in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung wichtiger ist denn je.
Drei Schulen, jahrelange Zusammenarbeit und eine konstante Ansprechperson bei Fragen, Konflikten oder Orientierungsbedarf: So lässt sich die Arbeit von Panagiota Balagka beschreiben. „Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis das Fundament stand“, erinnert sie sich. „Vertrauen wächst nicht durch einzelne Aktionen, sondern durch Beständigkeit.“
Genau darin liegt die besondere Stärke des Programms. Es geht weit über einzelne Bildungsangebote hinaus und schafft langfristig verlässliche Unterstützungs- und Präventionsstrukturen. Panagiota Balagka begleitet Schüler*innen und Lehrkräfte und greift gemeinsam mit ihnen aktuelle Themen wie Diskriminierung, Antisemitismus oder Desinformation auf. Dabei verknüpft sie ihr Fachwissen mit der Expertise der Träger der politischen Bildung.
Wie sehr das Programm im Schulalltag verankert ist, bringt sie mit einem Satz auf den Punkt: „Wenn ich über den Schulhof gehe, verbinden mich die Schüler*innen mit dem Begriff Respekt.“ Dahinter steckt mehr als die Erinnerung an einzelne Workshops. Es zeigt, dass tragfähige Beziehungen entstanden sind.
Für Michaela Peter liegt genau darin der Schlüssel zu gelingender Prävention: „Die große Chance ist, junge Menschen direkt in ihrer Lebenswelt zu erreichen – nahbar und ansprechbar. Respekt muss täglich eingeübt werden.“ Die stetige Präsenz an der Schule schafft eine vertrauensvolle Basis und eröffnet Räume für Gespräche über schwierige und emotional aufgeladene Themen. Gleichzeitig können Bedarfe der Schüler*innen früh erkannt und passende Angebote sowie außerschulische Kooperationspartner eingebunden werden.
Schule erreicht nahezu alle Kinder und Jugendlichen. Hier entscheidet sich täglich, ob Vielfalt als Bereicherung erlebt wird und ob demokratische Werte im Miteinander greifbar werden. In Ratingen ist durch die Arbeit der Respekt Coaches über Jahre ein offenes und tolerantes Schulklima gewachsen. Das Programm wurde zu einem festen Bestandteil des Schullebens.
Mit dem Auslaufen des Programms droht dieser Erfolg wegzubrechen. Was künftig fehlt:
- eine feste Bezugsperson, die zwischen Schüler*innen, Lehrkräften und externen Kooperationspartnern vermittelt,
- eine kontinuierliche sozialpädagogische Begleitung, die Schüler*innen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärkt und ein demokratisches Miteinander fördert,
- eingespielte Netzwerkstrukturen, die Herausforderungen frühzeitig erkennen und geeignete Hilfen koordinieren.
Die Erfahrungen aus Ratingen zeigen: Demokratiebildung entsteht nicht von selbst. Sie braucht Zeit, Vertrauen, geschützte Räume und qualifizierte Fachkräfte, die dauerhaft an Schulen präsent sind. Mit dem Programmende verschwindet nicht nur eine Förderung, sondern auch ein Stück gelebter Demokratie, das den Schulalltag vieler junger Menschen nachhaltig geprägt hat.
Lass uns reden, Diez!
„Die Schule ist der einzige Ort, an dem wir über diese Themen überhaupt sprechen können.“ Dieser Satz einer Schülerin des Sophie-Hedwig-Gymnasiums in Diez bleibt hängen. Er macht deutlich, wie wichtig die Angebote der Respekt Coaches für viele junge Menschen sind.
Bei unserem Besuch am 18. Juni 2026 zeichneten die Gespräche mit der Schulleitung und den Lehrkräften, den Respekt Coaches Nora Wagner und Tom Stegemann, ihrem Teamleiter Sebastian Zimmermann von der Regionalen Diakonie Westerwald-Rhein-Lahn sowie der Schülerin ein klares Bild: Das bundesweite Präventionsprogramm hat an der Schule einen hohen Stellenwert.
Zwischen Stundenplänen, Notendruck und vollen Lehrplänen schaffen die Respekt Coaches einen geschützten Rahmen für Fragen, Diskussionen und Perspektivwechsel. In ihren Workshops setzen sich die Jugendlichen mit Vorurteilen, Diskriminierung und Rassismus auseinander, blicken auf die Lehren aus dem Nationalsozialismus und besprechen aktuelle Themen, die sie bewegen. Dabei geht es nicht um „richtig oder falsch“, sondern darum, einander zuzuhören, eine eigene Haltung zu entwickeln und Vielfalt als Bereicherung zu begreifen. Für viele ist es die seltene Gelegenheit, ihre Gedanken frei und ohne Bewertung auszusprechen.
Welche Kraft das entfaltet, fasst Tom Stegemann in einem Wort zusammen: „Empowerment“. Die Jugendlichen erleben, dass ihre Stimme zählt, und gewinnen Vertrauen in ihre eigene Handlungsfähigkeit. Das zeigt sich auch bei der Schülerin, die die Angebote der Respekt Coaches aus eigener Erfahrung kennt und sich inzwischen selbst engagiert: Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft bietet sie Workshops zu geschlechtlicher Vielfalt für ihre Mitschüler*innen an. „Gerade diese frühe Sensibilisierung hilft, Stereotype aufzubrechen“, betont sie.
Dass diese Unterstützung an Schulen gebraucht wird, bestätigen auch Schulleitung und Lehrkräfte. Für die Begleitung von Projekten und die Einordnung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen fehlt im Schulalltag oft die Zeit. Entsprechend groß ist die Sorge vor dem Auslaufen des Programms. „Das würde wieder komplett auf uns zurückfallen und uns zusätzlich belasten“, gibt eine Lehrkraft zu bedenken.
Warum sich diese lebendige Praxis nicht einfach in starre Konzepte oder Handreichungen pressen lässt, erklärt Nora Wagner: „Was man heute niederschreiben würde, ist in einem halben Jahr schon wieder hinfällig.“ Gesellschaftliche Debatten verändern sich schnell. Umso wichtiger sind feste Vertrauenspersonen vor Ort, die flexibel und direkt reagieren können.
Für Sebastian Zimmermann liegt genau darin der Kern gelungener Prävention: „Wir arbeiten dafür, dass nichts passiert.“ Ihr Erfolg lässt sich oft nicht unmittelbar messen. Er zeigt sich dort, wo Konflikte früh erkannt, Ausgrenzung verhindert und Gewalt vorgebeugt werden kann. Gute Prävention bleibt oft unsichtbar, gerade weil sie funktioniert.
Der Besuch in Diez zeigt unmissverständlich: Jugendliche wollen mitgestalten, Verantwortung übernehmen und gehört werden. Das ist gelebte Demokratie. Damit dies keine Ausnahme bleibt, braucht es verlässliche Strukturen und engagierte Begleiter*innen wie die Respekt Coaches.
Lass uns reden, Westerburg!
Was passiert an Schulen, wenn Fachkräfte fehlen, die jungen Menschen zuhören, Orientierung geben und gesellschaftliche Herausforderungen einordnen? Antworten darauf gab unser Besuch an der Realschule plus „Am Schlossberg“ in Westerburg am 18. Juni 2026.
Schon beim Betreten der Schule wird deutlich, welchen Stellenwert Respekt Coach Sebastian Zahn im Schulalltag hat. Sein Büro liegt direkt neben der Schulsozialarbeit und einem offenen Aufenthaltsraum. Es ist ein Ort der Begegnung, an dem Jugendliche in Kleingruppen zusammenkommen, diskutieren oder gezielt den Austausch mit ihm suchen. Dieses Angebot ist hier unkompliziert und auf Augenhöhe erreichbar.
„Man kann nicht verhindern, dass Jugendliche mit schwierigen Situationen oder Konflikten konfrontiert werden. Aber man kann da sein, wenn sie Anliegen haben und Halt suchen“, beschreibt Sebastian Zahn seine Aufgabe. In seiner präventiven Arbeit mit Klassen und Gruppen geht es um demokratische Teilhabe, respektvolles Miteinander sowie die Auseinandersetzung mit Extremismus, Antisemitismus, Desinformation und den Risiken sozialer Medien.
Wie wirksam dieses Präventionsprogramm ist, zeigt sich auch aus Sicht der Beteiligten. Schulleitung und Lehrkräfte berichten von einer ruhigeren Atmosphäre, weniger körperlichen Auseinandersetzungen und einer Entlastung bei Themen, für die im Unterricht oft kaum Zeit bleibt. Der besondere Wert liegt dabei nicht nur in einzelnen Workshops oder Projekttagen, sondern in der kontinuierlichen Präsenz. So entsteht eine langfristige Zusammenarbeit, die nachhaltig wirkt.
„Wenn solche Angebote dauerhaft bestehen, wissen Schüler*innen, an wen sie sich wenden können. Auch Lehrkräfte und Schulsozialarbeit finden einen verlässlichen Partner bei Projektideen und aktuellen Herausforderungen. Dieses Vertrauen wächst über Jahre und kommt jeder neuen Schülergeneration zugute“, sagt Sebastian Zahn. Darüber hinaus profitiert die gesamte Schulgemeinschaft von Fördermitteln für Gruppenangebote in der Demokratie- und Medienbildung.
Umso größer ist die Sorge über das angekündigte Ende des Bundesprogramms. „Das Programm endet – das ist für uns fatal“, bringt es eine Lehrkraft auf den Punkt. Damit geht nicht nur die Förderung verloren, sondern auch gewachsene Kooperationen, Netzwerke und wichtige Fachkompetenz.
Die Aufgaben bleiben jedoch bestehen. Junge Menschen werden weiterhin Gesprächsbedarf haben, nach Antworten suchen und Rückhalt benötigen. Wenn spezialisierte Fachkräfte wegfallen, landen viele dieser Themen bei Lehrkräften und Schulsozialarbeit, die bereits heute an ihren Grenzen arbeiten.
Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob die Schulen diese Unterstützung brauchen. Entscheidend ist vielmehr, wer künftig die Fragen der Schüler*innen beantwortet, Desinformation einordnet, demokratische Werte stärkt und Ausgrenzung entgegenwirkt. Denn wenn professionelle Präventionsarbeit verschwindet, entsteht kein leerer Raum – ihn füllen andere. Und nicht alle verfolgen das Ziel, junge Menschen zu stärken und die Demokratie zu fördern.
Lass uns reden, Wörth!
Am 12. Juni 2026 sprachen wir in Wörth mit Raphael Burckhardt, Respekt Coach an der Realschule plus in Kandel, sowie mit Kathrin Frewell, Leiterin des Jugendmigrationsdienstes in Wörth. Schnell wurde klar: Was Schüler*innen aus den Gruppenangeboten mitnehmen, zeigt sich oft erst mit etwas Abstand.
„Nicht jede Erkenntnis leuchtet sofort ein“, erzählt Raphael Burckhardt. Ein Workshop zu Vorurteilen, Ausgrenzung oder Mobbing endet nicht mit dem letzten Programmpunkt. „Manchmal kommen Schüler*innen Wochen später auf mich zu und sagen: Jetzt sehe ich viele Dinge anders als zuvor.“
Genau darin liegt die Stärke des Programms. Nicht alle Schüler*innen sind von Anfang an begeistert. Manche reagieren zurückhaltend oder skeptisch. Doch häufig wird aus anfänglicher Distanz echtes Interesse. Die Workshops stoßen Denkprozesse an, die weit über den eigentlichen Projekttag hinauswirken und Schüler*innen dazu anregen, Fragen von Zusammenleben, Vielfalt und gegenseitigem Respekt aus neuen Perspektiven zu betrachten.
„Oft sind es genau diese Jugendlichen, die uns später danken“, sagt Burckhardt. „Dafür, dass man ihnen zugehört hat und dass sie ernst genommen wurden.“
Besonders wertvoll ist die Verbindung von externen Bildungsangeboten und der Arbeit der Respekt Coaches. Während Bildungsträger neue Themen und Methoden einbringen, begleiten die Coaches die weitere Auseinandersetzung im Schulalltag. So reichen die Inhalte weit über einzelne Projekttage hinaus.
Kathrin Frewell bringt den präventiven Ansatz auf den Punkt: „Prävention heißt nicht, Feuer zu löschen. Prävention heißt, Brände zu verhindern.“ Doch wie misst man, was gar nicht erst passiert? Wie beziffert man abgebaute Vorurteile oder verhinderte Konflikte? Die Antwort zeigt sich im Miteinander: einander besser verstehen, Unterschiede aushalten und Verantwortung übernehmen.
Die Erfahrungen aus Kandel zeigen: Demokratiebildung braucht Zeit. Sie beginnt mit einem gemeinsamen Dialog und entfaltet sich oft erst später.
Doch nun steht das Programm vor dem Aus. Verloren geht damit weit mehr als eine Reihe von Projekttagen. Verloren geht ein Angebot, das Orientierung gibt, zum Nachdenken anregt und Schüler*innen dabei unterstützt, ihren Platz in einer demokratischen Gesellschaft zu finden.
Denn Demokratie lebt vom Austausch, vom Nachfragen und vom respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Meinungen. Genau dafür hat das Respekt-Coaches-Programm Gelegenheiten geschaffen. Die Einladung bleibt so einfach wie wichtig: Lass uns reden.