Neurodiversität

Weiblich, Migrantin* und neurodivers - Intersektionale Perspektiven in der Jugendsozialarbeit

Nach dem Start der BAG EJSA-„Kacheltalk“-Online-Veranstaltungsreihe zu weiblicher Neurodiversität in der Jugendsozialarbeit (JSA) in 2025 (vgl. Auftaktveranstaltung am 3.7.25) fand am 12. März 2026 die zweite Veranstaltung statt. Unter dem Titel „Weiblich, Migrantin* und neurodivers – Intersektionale Perspektiven in der JSA“  diskutierten Fachkräfte aus v. a. der JSA, Mädchen*(sozial)arbeit, Frauen*arbeit sowie aus Jugendmigrationsdiensten (JMD) über die besonderen Lebensrealitäten junger Frauen*, bei denen die genannten mehrfachen Ungleichheitsdimensionen zusammenkommen. Den fachlichen Input lieferte Christine Schubart (Dipl. Päd./M.A. Gesundheits- und Sozialmanagement), Projektleiterin beim YES Innovation & Research e. V. und Leiterin des Erasmus+-Projekts NeuroDiversity from a Female Perspective (2024–2027).

Das transnationale Projekt untersucht Neurodiversität konsequent aus weiblicher Perspektive und bringt Partnerorganisationen aus Deutschland, Griechenland, den Niederlanden und Spanien zusammen. Beteiligt sind Organisationen mit Expertise aus geschlechtsspezifischer Jugendarbeit, Mädchen*- und Frauen*arbeit, Migrationsarbeit, Berufsorientierung sowie Inklusionsarbeit. 
Das Projekt verbindet Praxisforschung, Qualifizierung und Partizipation. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Angebote (v. a. der JSA) für neurodiverse Mädchen* und junge Frauen* verbessert werden können – etwa durch inklusivere pädagogische Settings, präventive Ansätze im Schulkontext oder passgenauere Unterstützungsangebote im Übergang in Ausbildung und Beruf. Gleichzeitig richtet sich der Blick auf die Arbeitswelt: Welche neurodiversitätssensiblen Rahmenbedingungen benötigen neurodivergente Beschäftigte, um ihre Stärken in Teams einbringen zu können, ohne dauerhaft Überlastung zu erleben?
Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei zudem auf Partizipation. Junge neurodiverse Mädchen* und Frauen* begleiten das Projekt als „Critical Friends“ in einem Advisory Board und bringen ihre Perspektiven kontinuierlich ein.  
Als Projektoutputs geplant sind unter anderem anwendungsfreundliche Praxis-Checklisten für JSA-Fachkräfte, ein verdichtetes Informations-Glossar, Empfehlungen sowie Erklärvideos für Arbeitgeber*innen (v.a. im Feld der JSA) zur Gestaltung neurodiversitätsfreundlicher Arbeitsumgebungen, eine Sammlung von Good-Practice-Beispielen zu Projekten und Initiativen aus den beteiligten Ländern sowie selbstgestaltete Veröffentlichungen von den beteiligten jungen Frauen*.

Wenn Neurodivergenz, Geschlecht und Migration zusammenkommen

Im Zentrum des Kacheltalks stand die Frage, wie sich Neurodivergenz mit Migrationserfahrungen und geschlechtsspezifischen Erwartungen verschränkt. Christine Schubart machte deutlich, dass neurodiverse Mädchen* und junge Frauen* häufig bereits ohne Migrationskontext mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert sind. Symptome von AD(H)S oder Autismus äußern sich bei Mädchen* oftmals anders als bei Jungen und bleiben deshalb lange unerkannt. Anpassungsleistungen, Perfektionismus oder sogenanntes „Masking“ – das bewusste oder unbewusste Verbergen eigener Besonderheiten – führen dazu, dass Unterstützungsbedarfe häufig übersehen werden. 

Treffen Neurodivergenz, Geschlecht und Migration zusammen, entstehen zusätzliche Anforderungen. Migrantinnen* müssen sich häufig gleichzeitig in mehreren sozialen Systemen orientieren: in einer neuen Sprache, in kulturellen Codes und sozialen Erwartungen sowie in institutionellen Strukturen wie Schule, Ausbildung oder Behörden. Für neurodivergente junge Frauen* bedeutet dies eine besondere Form der permanenten Anpassungsarbeit. Das ständige Beobachten sozialer Regeln, das Übersetzen zwischen kulturellen Kontexten sowie das Entschlüsseln impliziter Kommunikationsformen können zu hoher mentaler Erschöpfung führen. 

Hinzu kommen strukturelle Barrieren beim Zugang zu Unterstützungsangeboten. Sprachbarrieren, fehlende Informationen über Hilfesysteme, unsichere Aufenthaltsstatus oder kulturelle Fehlinterpretationen führen dazu, dass neurodivergente Mädchen* mit Migrationserfahrung häufig erst spät erkannt werden. Verhaltensweisen werden dann eher als „Integrationsproblem“, familiäre Belastung oder Disziplinfrage interpretiert, statt mögliche neurodivergente Hintergründe zu berücksichtigen. 

Ein weiterer Aspekt betrifft Rollenverschiebungen innerhalb von Familien mit Migrationserfahrung. Mädchen* übernehmen häufig früh Verantwortung – etwa beim Übersetzen für Eltern oder bei der Vermittlung zwischen Institutionen und Familie. Diese zusätzlichen Aufgaben können dazu führen, dass eigene Bedürfnisse in den Hintergrund treten und Belastungen lange unsichtbar bleiben.

Schule als Schlüsselort

Schulen spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Sie sind häufig der erste Ort, an dem Unterstützungsbedarfe sichtbar werden könnten. Gleichzeitig sind schulische Strukturen stark normorientiert. Auffälliges Verhalten wird schnell als Disziplinproblem interpretiert, während leise Formen der Überforderung – etwa Rückzug, Überanpassung oder starke Erschöpfung – weniger Aufmerksamkeit erhalten. Gerade bei Mädchen* führt dies dazu, dass Neurodivergenz häufig lange unerkannt bleibt. 

Für die JSA ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Fachkräfte müssen lernen, neurodivergente Lebensrealitäten früher wahrzunehmen und Unterstützungsangebote nicht ausschließlich an formale Diagnosen zu koppeln. Ebenso wichtig ist es, Räume zu schaffen, in denen Masking nicht notwendig ist und junge Menschen ihre Erfahrungen offen thematisieren können. Inklusion bedeutet in diesem Zusammenhang nicht allein Anpassung der Betroffenen, sondern auch Veränderung von Organisationen und Strukturen.

Diskussion mit den Teilnehmenden

Im anschließenden Austausch griffen die Teilnehmenden zahlreiche Aspekte des Inputs auf. Hervorgehoben wurde u. a. der Erkenntnisgewinn durch den europäischen Vergleich innerhalb des Projekts. Deutlich wurde, dass der Forschungsstand und der gesellschaftliche Umgang mit Neurodivergenz – insbesondere mit weiblicher Neurodivergenz – in Europa sehr unterschiedlich sind. Gleichzeitig besteht der sogenannte Gender Health Gap (die überwiegend männlich geprägte Diagnostik, daher geschlechtsspezifische, Frauen-diskriminierende Ungleichheit in Forschung, Versorgung und Innovation) in allen Ländern weiterhin deutlich und noch einmal verstärkt bei solch weniger im Fokus stehenden Randthemen.

Mehrfach wurde die Rolle der Schulsozialarbeit betont. Schulen seien einerseits Orte, an denen frühe Unterstützung möglich wäre, andererseits würden dort häufig vor allem „laute“ Störungen wahrgenommen – etwa das klassische Bild des hyperaktiven Jungen mit ADHS. Die oftmals stilleren Belastungen von Mädchen* blieben dagegen leichter unsichtbar.

Auch die berufliche Integration neurodiverser junger Menschen wurde intensiv diskutiert. Viele Betriebe seien bislang kaum auf neurodiverse Mitarbeitende eingestellt. Während große Unternehmen teilweise bereits inklusionsorientierte Ansätze entwickeln, fehlen kleineren Betrieben häufig Ressourcen oder Wissen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung flexibler Ausbildungsmodelle – etwa der Teilzeitausbildung – hervorgehoben.

Schließlich wurde auf das Projekt Ko·Ko – Neurodiversität im Job hingewiesen, das neurodivergente Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern durch Informations- und Vernetzungsangebote unterstützt. Dazu gehören Online-Veranstaltungen, Workshops, ein digitaler Stammtisch sowie eine umfangreiche Online-Toolbox zu Neurodiversität am Arbeitsplatz.

Der Kacheltalk machte deutlich, dass intersektionale Perspektiven für die Jugendsozialarbeit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wenn Geschlecht, Migrationserfahrung und Neurodivergenz zusammenkommen, entstehen spezifische Lebensrealitäten, die in pädagogischen Angeboten, institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Diskursen bislang noch zu wenig berücksichtigt werden. Die Veranstaltung bot hierfür wichtige Impulse und unterstrich zugleich die Notwendigkeit weiterer fachlicher Auseinandersetzung.

Save the date: Der nächste Kacheltalk in der Reihe findet am 4. November 2026 statt.

Verantwortlich: Christiane Weidner, Referentin Mädchen*sozialarbeit, geschlechtersensible Jugendsozialarbeit und gender mainstreaming

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