Fachkräfteaustausch: Migrationsprozesse in Deutschland und in der Türkei.

Anfang Dezember in Gaziantep

Zwei Wochen großartiges Programm, viele Gemeinsamkeiten und ein wirklich großer Unterschied. Das war eine der Rückmeldungen zum bilateralen Fachprogramm, welches die BAG EJSA in Zusammenarbeit mit der Abteilung für internationale Zusammenarbeit im türkischen Ministerium für Jugend und Sport Ende des Jahres 2021 umsetzen konnte.

Wir haben lange geplant, wir haben neu- und umgeplant. Am Ende konnten wir doch zwei Fachbegegnungen realisieren. Ein Treffen Ende Oktober in Nürnberg, das Zweite im Dezember in Gaziantep im Südosten der Türkei. Auf dem Programm standen Einrichtungsbesuche, Fachgespräche, Treffen mit Stadtverwaltungen und jede Menge Fachinformationen. Im Mittelpunkt beider Begegnungen standen aber Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne ihre Familien, die sich mit ihren sehr unterschiedlichen Flucht- und Migrationsbiografien in ihren neuen Lebenswelten in Nürnberg und Gaziantep ankommen und ihren Platz finden mussten.

In den Jahren 2016-2019 wurden bereits vier bilaterale Maßnahmen zum Thema Migration von der BAG EJSA durchgeführt. Darauf aufbauend wurden in einem dreitägigen Programm acht Teilnehmenden aus der Türkei in die Verfahren, Konzepte und Strategien der Aufnahme und Begleitung von jungen Geflüchteten in Nürnberg eingeführt. Unter Umsetzung eines eigens entworfenen Hygienekonzeptes für diese internationalen Formate wurde Unterschiede diskutiert und Gemeinsamkeiten festgestellt. Beispielsweise wurde uns vom Vertreter der türkischen  Migrationsverwaltung berichtet, dass es seit Oktober 2021 das das frühere Migrationsamt - nach dem Vorbild des BAMFs in Deutschland - als eigenes Bundesamt aus dem türkischen Innenministerium ausgegliedert wurde. In fünf Direktionen werden nun dort die Anerkennungsverfahren organisiert, aber auch umfangreiche Maßnahmen zur Unterstützung von geflüchteten Menschen umgesetzt.    

In der ersten Dezember fand der Gegenbesuch in Gaziantep statt. Eine Stadt mit über 2 Millionen Einwohnern in Kleinasien unweit der Grenze zu Syrien. Acht Fachkräfte aus Deutschland und hier aus  Jugendmigrationsdiensten, Einrichtungen der Jugendhilfe und verschiedenen Verbänden der Jugendsozialarbeit trafen sich mit den Kolleg*innen aus den Ministerien Jugend und Sport, Ministerium für Familie, Arbeit und Sozialdienste, Ministerium für Bildung, und dem Bundesamt für Migration, dem stellvertretenden Amtsleiter und sehr vielen Mitarbeitenden aus lokalen Einrichtungen, die durch die o.g. Ministerien zentral getragen werden.

Gemeinsam wurden Schulen und Beratungseinrichtungen aber auch ein Jugendzentrum und die Stadtverwaltung besucht. Diese fanden immer unter dem Blickwinkel statt zu erfahren, welche Unterstützungsangebote für geflüchtete Jugendliche vorgehalten werden und wie sich das Zusammenleben in der Stadt im 10 Jahr nach dem Ausbruch des Krieges im benachbarten Syrien entwickelt.
Wir könnten ein Buch schreiben über die Erfahrungen und die vielfältigen Informationen und den ausgesprochen anregenden Austausch, so eine Teilnehmerin der bilateralen Begegnungen. Ein Buch wird es nicht. Aber wird viele Berichte geben und es wird weitergehen. Denn alle Teilnehmenden haben sich darauf verständigt, die entstandene Kooperation fortzusetzen und die Zusammenarbeit zu vertiefen und weitere gegenseitige Besuche zu organisieren. Dazu wird es Anfang des nächsten Jahres weitere Treffen geben.
Vereinbart ist zudem, dass im deutsch-türkischen Fachausschuss eine Vereinbarung getroffen werden soll, die es den beteiligten Partnerorganisationen erlaubt auch darüber weitere Maßnahmen umzusetzen. 

Was wir zudem sehen konnten und festhalten wollen ist: Es gibt viel mehr Anstrengungen in der Türkei den vielen Geflüchteten passgenaue Unterstützung zukommen zu lassen, als dies gemeinhin in Deutschland bekannt ist, wahrgenommen und anerkannt wird. Und es gibt in den Verwaltungsstrukturen und in den strategischen Konzepten, aber auch in der Praxis der Beratung und der Jugendarbeit viele Analogien zwischen den beiden Ländern. Was bleibt ist ein riesengroßer Unterschied: In Deutschland wurden seit dem Jahr 2015 etwas über 1 Millionen geflüchtete Menschen aus den verschiedensten Ländern aufgenommen. In der Türkei bei ungefähr gleich großer Einwohnerzahl sind es 5,5 Millionen. Davon alleine in Gaziantep, der drittgrößten Stadt der Türkei etwa 500.000.