Lobbyarbeit in Europa - für die Jugendsozialarbeit
Ein Interview zwischen Lucy Petinella (YES Forum, Jugendpolitische Referentin) und Hans Steimle (BAG EJSA) über Aktivitäten des YES Forum im Jahr 2025 und über die Perspektiven für die nächste Zukunft.
Hans Steimle
Hallo Lucy. Bitte gib uns einen kurzen Abriss welche Themen und Entwicklungen, die Arbeit im YES Forum im Jahr 2025 geprägt haben.
Lucy Petinella
Im Jahr 2025 verabschiedeten wir eine neue Strategie für den Zeitraum 2025–2029, präzisierten thematische Prioritäten, stärkten die Abstimmung zwischen den Mitgliedern und festigten die langfristige Positionierung des Netzwerks in Bezug auf soziale Rechte, Kompetenzen und die Anerkennung von Jugendlichen und Fachkräften der Sozialen Arbeit auf EU-Ebene.
Wir verbanden die Praxis vor Ort mit der EU-Politik durch den direkten Dialog mit Mitgliedern des Europäischen Parlaments, unsere politische Veranstaltung im November 2025 und kontinuierliche Beiträge zum EU-Jugendtest und zur EWSA-Verbindungsgruppe.
In diesen Foren tauschten wir die Perspektiven unserer Mitglieder zu Themen aus wie
- Jugendarmut,
- dem mehrjährigen Finanzrahmen,
- der Unterstützung von Jugendlichen ohne Ausbildung oder Beschäftigung (NEETs) beim Zugang zu Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten,
- der Bekämpfung der Ungleichheit zwischen den Generationen und
- der Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte .
Durch die Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern konnten wir Erkenntnisse von Experten vor Ort zusammentragen und so die Notwendigkeit präventiver, langfristiger Interventionen in der Jugend- und Sozialarbeit unterstreichen. Gleichzeitig forderten wir mit unserer Kampagne „Es ist kein Glück, es ist Sozialarbeit“ eine stärkere Anerkennung der Jugend- und Sozialarbeit.
Die Jugendbeteiligung und das demokratische Engagement wurden durch unsere Projekte weiter gestärkt, darunter unser Projekt CitiGenZ. Dort trugen die Entwicklung eines „Schattenkabinetts“ und der Einsatz fortschrittlicher Rollenspiele und Schulungsformate zur Förderung der politischen Kompetenz und des Verständnisses der EU-Werte junger Menschen bei.
Hans Steimle
Welche Einschätzungen hast Du, wie es mit der EU-Förderung mit Blick auf den MFR und wie es dabei voraussichtlich mit den beiden Programme ESF+ und dem Erasmus* nach 2027 weitergeht?
Lucy Petinella
Der mehrjährige Finanzrahmen nach 2027 wird entscheidend dafür sein, ob soziale Investitionen weiterhin eine zentrale Priorität darstellen. Der Haushaltsdruck dürfte steigen, bedingt durch einen verstärkten Wettbewerb aus Bereichen wie Sicherheit, Verteidigung, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz.
Für den Europäischen Sozialfonds (ESF+) bleibt das Programm unerlässlich. Er ist das wichtigste Instrument der EU zur Umsetzung der Europäischen Säule sozialer Rechte, der EU-Strategie zur Armutsbekämpfung und der Jugendgarantie. Studien belegen durchweg positive Ergebnisse in den Bereichen Beschäftigung, Qualifizierung und soziale Integration, insbesondere für benachteiligte Gruppen.
Nach 2027 bestehen jedoch reale Risiken. Mehr nationaler Handlungsspielraum bei der Festlegung von Investitionsprioritäten sowie eine mögliche Umstrukturierung oder Zusammenlegung des ESF+ könnten dessen sozialen Fokus schwächen und zu einer ungleichen Unterstützung von Jugendlichen und sozialen Diensten in den Mitgliedstaaten führen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, den ESF+ als eigenständiges und ausreichend finanziertes Instrument zu erhalten und gleichzeitig administrative Hürden abzubauen.
Erasmus+ ist politisch fest etabliert und seine langfristigen Auswirkungen auf Beschäftigungsfähigkeit, Bildung und bürgerschaftliches Engagement werden weithin anerkannt. Angesichts zunehmender politischer Polarisierung, steigender Jugendarmut und schwindenden Vertrauens in Institutionen ist das Programm jedoch notwendiger denn je. Ohne eine substanzielle Budgeterhöhung bleiben seine Reichweite und Wirkung begrenzt, wodurch der Zugang für viele junge Menschen, die am meisten davon profitieren würden, eingeschränkt wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ESF+ und Erasmus+ bewährte Instrumente zur direkten Umsetzung der EU-Politik in den Bereichen Soziales, Jugend und Bildung sind. Ihre zukünftige Wirksamkeit hängt von politischen Entscheidungen ab, die ihre Budgets schützen, ihre Kernziele wahren und sicherstellen, dass die Mittel weiterhin den Organisationen zur Verfügung stehen, die vor Ort Wirkung erzielen.
Hans Steimle
Wie siehst Du die Aussichten für die Träger, die auf europäischer und auf nationaler Ebene auf Förderung durch den ESF angewiesen sind?
Lucy Petinella
Organisationen, die auf Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) angewiesen sind, agieren in einem zunehmend anspruchsvollen Finanzierungsumfeld.
Evaluierungen von ESF- und ESF+-Programmen zeigen immer wieder, dass der Fonds eine entscheidende Rolle dabei spielt, den Zugang zu Bildung, die Integration in den Arbeitsmarkt und soziale Dienstleistungen für benachteiligte Gruppen, insbesondere junge Menschen und Menschen mit geringen Beschäftigungschancen, zu fördern. In vielen Mitgliedstaaten sichert die ESF-Finanzierung Leistungen, die andernfalls allein aus nationalen Haushalten nicht nachhaltig finanziert werden könnten.
Gleichzeitig ist das operative Umfeld für ESF-geförderte Organisationen komplexer geworden. Unsere Mitglieder berichten, dass die Hürden für die Beantragung von Fördermitteln hoch sein können, da vielen Basisorganisationen mit starker lokaler Reichweite auch die Verwaltungskapazität fehlt.
Eine Reduzierung der Investitionen in Jugend- und Bildungsangebote wäre kontraproduktiv. Studien belegen immer wieder, dass frühzeitige und nachhaltige Investitionen in Jugendförderung, Bildung und Integration die langfristigen öffentlichen Ausgaben für Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung senken. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Perspektiven für Organisationen, die auf ESF-Mittel angewiesen sind, sowohl durch anhaltende strategische Bedeutung als auch durch zunehmenden operativen Druck gekennzeichnet sind. ESF-Mittel bleiben unerlässlich, um die sozialen Ziele und die Armutsbekämpfungsziele der EU zu erreichen, doch ihre zukünftige Wirksamkeit hängt von den Entscheidungen im Bereich der Regierungsführung auf EU- und nationaler Ebene ab.
Hans Steimle
Wie schätzt Du ganz allgemein und nach Euren aktuellen Gesprächen im EU-Parlament die politischen Entwicklungen auf EU-Ebene bezogen auf den Umgang mit der Zivilgesellschaft und konkret für die weitere Umsetzung der EU-Jugendstrategie ein.
Lucy Petinella
Kürzlich habe ich einen Bericht verfasst, der die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen bei der Bereitstellung von Jugend- und Sozialdiensten in den EU-Mitgliedstaaten untersucht. Die Ergebnisse sind eindeutig: Zivilgesellschaftliche Organisationen sind für Europa unverzichtbar, um qualitativ hochwertige Jugend- und Sozialdienste zu gewährleisten.
Sie spielen eine zentrale Rolle bei der Verwirklichung der sozialen Rechte junger Menschen und erreichen regelmäßig Gruppen, die von öffentlichen Diensten nicht erreicht werden. Diese Realität erfordert, dass die Zivilgesellschaft als gleichberechtigter Partner behandelt wird und ihr ein geschützter und sinnvoller Raum für Dialog eingeräumt wird, auch dort, wo dieser Dialog schwierig ist.
Im März 2026 wird das YES Forum gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Partnern einen Workshop zu Demokratie und Bildung veranstalten, der die Prioritäten auf EU-Ebene mit den Lebenserfahrungen benachteiligter junger Menschen und dem Fachwissen von Fachkräften aus der Jugend- und Sozialarbeit verknüpft.
Diese Beiträge erfolgen vor dem Hintergrund zunehmender politischer Polarisierung, schwindenden Vertrauens in die Demokratie und einer messbaren Einschränkung des zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraums – Entwicklungen, die auf EU-Ebene immer deutlicher sichtbar werden und die Rolle der Zivilgesellschaft als unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Infrastruktur der EU untergraben.
Eine stärkere Koordinierung innerhalb der Zivilgesellschaft ist daher unerlässlich. Die Verbindungsgruppe des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses bietet zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Plattform, um ihre Positionen abzustimmen, konstruktiv zu politischen Debatten beizutragen und die Rolle der Zivilgesellschaft im breiteren politischen Rahmen der EU zu stärken.