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8. Jungenpolitik als „Jungensozialpolitik“

Jungen und ihre Anliegen, aber auch die Jungenarbeit wurden bislang weder auf kommunalpolitischer Ebene, noch in der Landes- und Bundespolitik besonders beachtet. Erst seit ein paar Jahren verändert sich das allmählich: durch die Benennung einer eigenständigen Jungen- und Männerpolitik als Politikziel im Koalitionsvertrag von 2009; den „Beirat für Jungenpolitik“, der von der Bundesjugendministerin 2010 einberufen wurde; durch die Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit im Frühjahr 2011.

 Jungenpolitik ist aber immer noch vergleichsweise wenig entwickelt und positioniert. So geht es deshalb immer noch darum, einen schlüssigen Begriff von Jungenpolitik – etwa ausgehend vom Lebenslagenkonzept – zu entwickeln und zu bestimmen sowie daran anknüpfend jungenpolitische Interessen zu bündeln und im politischen Raum zu vertreten.

 Der Koalitionsvertrag von 2009 schreibt: „Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren.“ Nur auf Top-Down-Initiativen innerhalb der etablierten politischen Strukturen zu warten wäre jedoch verfehlt. Mitgestalten ist angesagt!

 Über die konkrete Praxis und über die Aktivitäten einzelner Akteure und Institutionen hinaus braucht Jungensozialarbeit auch eine Vernetzung und Vertretung auf politischer Ebene, also eine fachbezogene Jungenpolitik. Orte für Jungenpolitik sind lokale und regionale jungenpolitische Arbeitskreise, also z.B. im Rahmen der Jugendhilfe­pla­nung oder als Facharbeitsgemein­schaften (nach § 78 SGB VIII/KJHG) auf Orts-, Kreis- und Landesebene. Darüber hinaus braucht Jungenpolitik neben einer fachlichen Verankerung etwa im Hochschulbereich auch eine entsprechende Vertretung („Lobby“) in der Verwaltung, bei politischen Gremien und bei den Parteien.

 Wesentliches Ziel von Jungenpolitik ist es, strukturelle Bedingungen des Jungeseins positiv zu beeinflussen und die Lebenslagen von Jungen zu verbessern. Diese „Jungensozialpolitik“ richtet sich sowohl auf „die“ Jungen, also auf alle Jungen, wie auch auf Jungen in besonderen Lebenslagen.

 Eine Politik „für alle Jungen“ bezieht sich auf...

· die Schwierigkeiten des Jungeseins und Mannwerdens in der Moderne (aufgrund Entwicklung und Modernisierung der Geschlechterbilder und -ideologien) – z.B. im Bildungs- und Gesundheitsbereich

· mögliche Benachteiligungen von Jungen: gegenüber Mädchen; gegenüber erwachsenen Männern oder Frauen (statistische Benachteiligung)

Politik für Jungen in besonderen Lebenslagen, also gewissermaßen für Jungen mit Minderheitenstatus, vertritt insbesondere...

· benachteiligte Jungen (gegenüber „durchschnittlichen“ bzw. privilegierten Jungen)

· Jungen mit problematischen Bewältigungsverhalten (gegenüber solchen mit akzeptiertem, sozialverträglichem Bewältigungsverhalten)

· Jungen, denen Zugänge und Chancen vorenthalten werden (gegenüber Jungen mit durchschnittlichen oder besonders guten Chancen)

Die spezielle Fachkompetenz der Jungensozialarbeit liegt im Umgang mit Jungen in besonderen Lebenslagen. Ein politisches Engagement der Jungensozialarbeit ist deshalb unerlässlich, um diesen Jungen (auch) eine politisch wirksame Stimme zu geben. Jungenpolitik in dieser Perspektive ist zunächst und in erster Linie Fachpolitik. Sie tangiert aber selbst­verständlich auch Themen und Ressorts allgemeiner Politiken: Jugendpolitik, Familienpolitik, Gesundheitspolitik, Verteidigungspolitik.

Beirat für Jungenpolitik einberufen

Die Bundesregierung beruft erstmals einen Beirat für Jungenpolitik ein. Am 12. November stellte Kristina Schröder die Mitglieder für das neue Gremium vor. Die Bundesfamilienministerin betonte: „Politik der Chancengleichheit muss die Bedürfnisse beider Geschlechter berücksichtigen.“

Wir müssen deshalb die klassische Gleichstellungspolitik zu einer Politik der Chancengleichheit erweitern, die die Bedürfnisse beider Geschlechter berücksichtigt“, so Kristina Schröder weiter. „Fakt ist: Jungs besuchen häufiger die Hauptschule und seltener das Gymnasium. Sie bleiben häufiger sitzen und verlassen häufiger die Schule ohne Schulabschluss. Deshalb werde ich einen Beirat für Jungenpolitik einsetzen, der sich mit der Frage der Chancengleichheit für Jungs befasst. Ich freue mich sehr, heute die Mitglieder des neuen Beirats Jungenpolitik vorstellen zu können. Sie werden ihre Kenntnisse und Kompetenzen einbringen, damit wir zukünftig auch Jungen optimal fördern können.“

Der Beirat Jungenpolitik besteht aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Praktikern der Jungenarbeit. Als Experten in eigener Sache kommen sechs männliche Jugendliche hinzu. Sie werden derzeit ausgewählt und anlässlich der konstituierenden Sitzung des Beirats im ersten Quartal 2011 vorgestellt. Hauptaufgabe des Beirats ist es, die Politik zu beraten und Anregungen für geeignete politische Programme zu entwickeln. Der Beirat wird unter anderem die Lebenswelten der Jungen vor Ort erkunden und 2013 einen Abschlussbericht vorlegen.

Quelle: Pressemeldung BMFSFJ vom 12.11.2010 www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=164454.html

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Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts zu essen haben?

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Der Herr ist reich für alle, die ihn anrufen.

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