Einmal multikulti und zurück?

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Vielfalt leben in der Migrationsgesellschaft

Dokumentation der Fachtagung
der aej, der BAG EJSA, des CJD sowie Jahrestagung der Jugendmigrationsdienste

Vom 5. bis zum 7. Oktober 2011 fand zum dritten Mal eine gemeinsame Fachtagung der aej, der BAG EJSA und des CJD zu Fragen der Migration und Integration statt. Der Veranstaltungsort, die Vertretung der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein beim Bund in Berlin, bot diesmal einen ungewöhnlichen, aber sehr angenehmen Rahmen.

Schon in den Grußworten wurde das Dilemma der Integrationsarbeit deutlich. Während Mike Corsa (aej) forderte: „raus aus den Sonderwelten, raus aus den Spezialdiensten“, betonte Frank Paratsch (CJD) die Bedeutung von „Experten­diensten“; diese sollten ihr Expertentum aber nicht in den Vordergrund stellen.

In den Hauptvorträgen der ersten beiden Tage ging es dann vor allem um die Frage, wie die verschiedenen Konzepte Interkulturelle Öffnung, Diversity Management, Cultural Management wirken. Dies ist nach Ansicht von Prof. Dr. Manuela Westphal (Universität Kassel) noch viel zu wenig erforscht. Auch die Frage, wie sich Migration und Globalisierung auf die Menschen ohne Migrationshintergrund auswirkt, werde nur in den sehr kritischen Diversity-Ansätzen überhaupt gestellt.

Nach wie vor orientieren sich die Ziele von Integration an Kriterien der Dominanz­gesellschaft. Dabei folgt die Integrationspolitik immer noch der Fiktion einer weitgehenden Homogenität der Bevölkerung, während die Forschung über „hybride Identitäten“ diskutiert.

Von den aktuell diskutierten Diversity-Ansätzen bewertete Westphal vor allem den interesektionalen Zugang als positiv. „Intersektional“ meint, dass auch die Über­schneidung verschiedener Differenzlinien in den Blick genommen wird. Es geht also um einen komplexen Umgang mit Differenz. Differenzen werden dabei als gesellschaftlich hergestellte Differenzen betrachtet und vor allem als Ursache von Ungleichheit und Ungleichbehandlung bearbeitet.

Dr. Safiye Yıldız (Universität Innsbruck) arbeitete noch einmal deutlicher den Grundwiderspruch „einschließender Ausschluss“ heraus. Interkulturelle Pädagogik trägt gleichzeitig immer zur Fortschreibung kultureller Differenzen bei, schließt diejenigen aus, die eigentlich längst zum „wir“ gehören. Dabei sind die Strukturen, Mechanismen und Entstehungsbedingungen von Rassismus auch vielen Fachkräften zu wenig präsent. Die Betonung angeblicher kultureller Unterschiede lenkt ab von den tatsächlichen Problemen struktureller Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Und die Individualisierung von Integrationsproblemen weicht der Frage aus, wie ein gleichberechtigter Zugang von Menschen mit Migrationshintergrund zu den Ressourcen und zu den Diskursen gestaltet werden kann.

Der Vortrag von Prof. Dr. Klaus J. Bade am dritten Tag der Tagung widmete sich unter anderem den Hoffnungszeichen gelingender Integration in Deutschland. Das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats Deutscher Stiftungen habe gezeigt, dass Deutschland in der Einwanderungsgesellschaft angekommen sei und dass die meisten BürgerInnen Integrationsfragen gegenüber pragmatisch eingestellt seien. Die Herausforderung für die BürgerInnen bestehe darin, den beschleunigten gesellschaftlichen Wandel, der durch Migrationsprozesse ausgelöst wird, als Normalität anzunehmen. Wandel werde häufig zunächst als Ärgernis verstanden und rufe automatisch Abwehrhaltungen hervor. Die tatsächliche Integrationsleistung der Bürgergesellschaft werde aber durch die Politik nach wie vor unterschätzt. Diese verstecke sich hinter den angeblichen Ängsten der BürgerInnen und sende wider­sprüchliche Signale.

In der abschließenden Podiumsdiskussion kollidierte die Aussage von Bade, es gehe bei der Integration darum „den anderen“ die Heimat zu erklären und auf diese stolz zu sein, und es gehe ferner darum, ein kollektives Wir herauszubilden, das „die anderen“ mit einbeziehe, erneut mit den Befindlichkeiten von Canan Bayram (MdL Berlin). Als Deutsche mit Migrationsgeschichte wehrte sie sich vehement dagegen, das alle Verbindende über Begriffe wie „Heimat“ definieren zu wollen.

Tja, in Fragen der Integration ist „gut gemeint“ eben noch lange nicht gut.

10.11.2011/Rebekka Hagemann

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